Suzukis einzigartige Mischung aus sportlichem Kleinwagen und turbogeladenem Motorradantrieb geht ab wie eine Rakete: 330 PS im Heck, nur 900 kg Leergewicht. Ein klarer Fall von fahrdynamischer Ballistik. Wir konnten die jüngste Ausbaustufe des Auto-Motorrad-Mischlings auf einem Rallyekurs nördlich von Frankfurt exklusiv zünden.

 

Ein Kleinwagen und Töff fusioniert!
35 Grad im Schatten am «Stehrodrom» mitten in Deutschland, in der Nähe von Marburg. Hinter mir kreischt ein hochdrehender Vierzylinder-Motorradmotor markerschütternd laut und katapultiert das 900-kg-Geschoss gen Horizont. Neben mir auf dem Fahrersitz sorgt Rallye-Profi Niki Schelle mit blitzschnellen Reaktionen dafür, dass wir jeweils rechtzeitig in die gewünschte Richtung abbiegen und dem schmalen Asphaltband des engmaschigen Rallye-Kurses weiter folgen. Vor meinen Augen bauen sich immer wieder neue Kurven und Ecken auf, in denen wir fast immer sehr quer daherkommen.

 

Der von Niki Schelle perfekt zelebrierte, kontrollierte Drift hat für mich Beifahrer zwei Vorteile: Der unglaubliche Fahrspass im Swift Hayabusa steigert sich dadurch immer weiter, und ausserdem dringt in angewinkelter Querfahrt mehr Fahrtwind durch die kleine Öffnung in den Plexiglas-Seitenscheiben herein. Das ist auch bitter nötig, denn das 1,3-Liter-Kraftpaket im Heck heizt schon nach wenigen Runden das Cockpit zusätzlich zur sommerlichen Hitze auf gnadenlose Sauna-Temperaturen auf. Sturzbäche von Schweiss mischen sich mit meiner Gänsehaut, die die vehemente Fahrdynamik und der infernalische Sound des Suzuki-Unikats erzeugen.

 

330 Turbo-PS schieben im rasanten Einzelstück Suzuki Swift Hayabusa inzwischen nur noch 900 kg Ballast vor sich her. Suzukis Markenbotschafter Niki Schelle hat mit reichlich Aluminium und Carbon weitere Pfunde eingespart seit den ersten Testfahrten im Auto-Motorrad-Boliden 2014. Das inzwischen erzielte Leistungsgewicht von nur 2,72 kg/PS kann mithalten mit Supersportlern wie Nissan GT-R oder Mercedes SLS AMG Black Series. Folglich hat der hochdrehende 1,3-Liter-Vierzylinder aus dem 300-km/h-Motorrad Suzuki Hayabusa leichtes Spiel, um das einzigartige Rallye-Auto meist schräg durch Kurvenläufe wie das am hessischen Stehrodrom zu katapultieren. Die schwarz-rote 2015er-Lackierung mit grosser Falken-Folie auf der Flanke macht auf den ersten Blick deutlich: Hier tobt gerade ein bösartiges Renngerät. Aber: Bei fachgerechter Behandlung wird daraus ein freudenspendendes Spassfahrzeug.

 

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Der Falke mit dem Turbo!
«Hayabusa» heisst auf Japanisch «Falke». Unter dem klangvollen Namen des Raubvogels erwarb sich der sportliche Suzuki Hayabusa weltweit seit 1999 den Ruf einer ausgesprochenen Highspeed-Maschine, denn sie durchbrach als erstes Serienbike die 300-km/h-Schallmauer. Während der AMI Leipzig 2012 brainstormten einige Vertreter von Suzuki Deutschland zu fortgeschrittener Stunde über ein mögliches Rallye-Projekt. Daraus entstand schliesslich die reizvolle und herausfordernde Idee, den hochdrehenden Motorrad-Vierzylinder in den agilen Klein-Sportwagen Swift zu verpflanzen. Die Umsetzung erfolgte danach nicht ohne Widerstand, wie Jörg Machalitzky, Pressesprecher von Suzuki Deutschland, sich erinnert: «Anfangs ist uns auch im eigenen Unternehmen viel Skepsis begegnet.» Vor allem sei es sehr schwierig gewesen, den Motor und das Getriebe aus dem Motorrad mit dem Auto zu vereinen. «Doch heute», freut sich Machalitzky zu Recht, «herrscht überall schiere Begeisterung.»

 

Was Niki Schelle seit Projektstart 2013 auf die breiten Rallye-Walzen gestellt hat, funktioniert trotz aller anfänglichen Hindernisse auf beeindruckende Weise. Die Zutaten, die Rallye-Profi Schelle in Absprache mit seinem Auftraggeber Suzuki dem Swift Hayabusa spendiert hat, sind wahrlich exquisit: Das beginnt mit dem mittels Turboaufladung von 180 auf 330 PS hochgezüchteten Vierzylinder-Motor mit 1340 ccm Hubraum. Ausserdem: Ein mechanisches Sperrdifferenzial, ein Sportfahrwerk von KW (in Höhe, Zug- und Druckstufe einstellbar), optimierte Bremsenkühlung, ein grosser Heckflügel für mehr Anpressdruck auf der hinteren Antriebsachse, ein eingeschweisster Überrollkäfig, Schalen-Rennsitze und Vierpunkt-Gurte und schliesslich zur akustischen Untermauerung des fahrdynamischen Potenzials: ein Sportauspuff mit Doppel-Endrohr.

 

Komplette Umkehr des Fahrverhaltens
Die enorme Drehfreude des Motorradmotors sei laut Niki Schelle vor allem das Besondere am Swift Hayabusa. Während mit einem gewöhnlichen Auto-Antrieb früher Schluss ist, eile der Motorrad-Motor wieselflink in hochgelegene Drehzahlregionen hinauf: «Zwar haben wir jetzt bei rund 9500/min. eine Grenze gesetzt, aber damit schöpfen wir die Turboaufladung optimal aus», so Schelle über die derzeitige Abstimmung des Motors mit rund 330 PS. Abgesehen vom drehfreudigen Vierzylinder drücke besonders die Versetzung des Antriebs von der Vorder- auf die Hinterachse dem Swift Hayabusa einen unverwechselbaren Stempel auf: «Dadurch fährt sich das Auto komplett anders. Vorne fehlt der Motor des Swift, dafür liegt dort jetzt der Tank. Trotzdem ist die gesamte Front natürlich sehr leicht. Und hinten hast du jetzt mit dem Motor wesentlich mehr Gewicht und den Druck von rund 200 Nm Drehmoment. Wenn du so quer fährst und der Turbo einsetzt, fängt das Heck extrem schnell an, zu schieben.» Dabei fehlen laut Schelle jegliche elektrische Unterstützungen für Lenkung oder Bremsen völlig, da die Motorrad-Lichtmaschine des Hayabusa-Vierzylinders nur auf geringe Verbraucher ausgelegt sei.

 

Quer mit Respekt!
Die tollkühne Fahrt im Swift Hayabusa ist also wahrlich kein Kinderspiel. Trotzdem bebt mein Herz vor Vorfreude, als Niki Schelle mir anbietet, Fahrer- und Beifahrersitz zu tauschen. Noch mehr als rechts fühle ich hinterm Lenkrad, wie heftig mich der Schalensitz umklammert. Ein Schraubstock fühlt sich wohl kaum anders an. Selbst als Biker muss ich mich in einem Auto erst an das Motorrad-Schaltschema gewöhnen: Leerlauf zwischen erstem und zweitem Gang. Die Gänge wechsle ich sequenziell über zwei Schaltwippen am Lenkrad, rechts plus und links minus. Ich muss dazu aber unbedingt auskuppeln, sonst brüllt beim anschliessenden Gas geben der Vierzylinder im Leerlauf wie ein tobendes Raubtier.

Vorsichtig und allmählich taste ich mich an den laut Niki «schmalen Grenzbereich» heran. Dabei fällt mir extrem auf, dass sich die Bremswirkung erst bei heftigem Pedaldruck aufbaut, dann aber auch ohne Unterstützung heftig und gut dosierbar ausfällt. In einer Kurve des Rallye-Kurses mit besonders grosser Auflaufzone komme ich mit Leichtigkeit ins kurze und heftige Driften. Ich glaube aber sofort zu spüren, was der Rennprofi neben mir prophezeit hat: Ein Quentchen zuviel, und kein Gegenlenken der Welt würde die Heckschleuder noch einfangen. Mein grosser Respekt vor der japanischen Abschussrampe Swift Hayabusa bewahrt mich vor einem Dreher. Trotzdem: Die Urgewalt, die den Rallye-Boliden, Niki Schelle und mich in die Querfahrt drückt, ist allgegenwärtig und sehr beeindruckend. Ich verschalte mich später nur einmal, weil ich doch das gleichzeitige Auskuppeln vergessen habe. Dass ich auf der engen Pedalerie trotz meiner Schuhgrösse 46 überhaupt zurechtkomme, bringt mir ein dickes Lob von Meister Schelle ein. Und: Selbst nach fünf Runden auf dem Beifahrersitz grinst er am Ende immer noch freundlich. Ich bin mit mir zufrieden, mit der Welt sowieso, nach den schweisstreibenden, lautstarken, sämtliche Muskeln fordernden Testfahrten.

 

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Bisher hat das Drift-Monster Swift Hayabusa rund 70’000 Euro verschlungen – laut Jörg Machalitzky «nicht wirklich viel Geld für die gewaltige Performance des Fahrzeugs». Derzeit stehen auf dem laut Niki Schelle kommenden Fahrplan: Weitere Reduzierungen des Gewichts, unter anderem mit Türen oder Motorhaube aus GFK. Ausserdem werde man am Fahrwerk weiter feilen, um nach der Umstellung von Front- auf Heckantrieb eine noch bessere Balance hinzubekommen. «Aber auch so, wie er jetzt ist, stellt er bereits eine unheimliche fahrerische Herausforderung dar. Das ist Autofahren pur, ohne ESP oder Traktionskontrolle. Die Grenze bist du, und so soll es sein.» Recht hat er.

 

Technische Daten Suzuki Swift Hayabusa
Preis ab  Unverkäufliches Einzelstück
Hubraum 1340 Liter
Leistung ca. 330 PS
Drehmoment ca. 200 Nm
Antrieb Heck
0 bis 100 km/h unter 4,0 s
Spitze ca. 190 km/h (nicht auf Highspeed ausgelegt)
Verbrauch 6,7 Liter (Praxis) 5 Liter (Werk)
CO2 130 g/km (Werk)
Aussenmasse  3850x1700x1500 mm

 

 

Niki Schelle

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Rallye-Profi und Suzuki-Markenbotschafter Suzukis Markenbotschafter Niki Schelle, Jahrgang 1966, ist gebürtiger Allgäuer aus Schongau. Bereits mit zarten 14 Jahren saß er bei Rallyes auf dem Beifahrersitz. Mit der Volljährigkeit wechselte er ans Steuer. Zu seinen Erfolgen als Rallye-Pilot zählt ein dritter Platz bei der Deutschland Rallye 2006. Schelle ist Kfz-Mechaniker-Meister und war stets beim Umbau und der Weiterentwicklung seiner Rallye-Fahrzeuge aktiv. Als Markenbotschafter für Suzuki übernahm er 2013 die Projektleitung zum Swift Hayabusa-Umbau. Seit 2005 ist Niki Schell für verschiedene deutsche Fernseh-Sendungen am Bildschirm zu sehen, unter anderem bei „GRIP – Das Motormagazin“ auf RTL2.

Fotos: Ralf Schütze