Nie war ein Strassen-Audi näher am Rennsport als der neue Audi R8 V10 plus. Ein Projektil mit Allradantrieb und einer Schubkraft von 610 PS. wheels! stürmte mit dem Ingolstädter Supercar den Furkapass.

Ein Geschoss aus Aluminium, Magnesium und Kohlefaser
Ein Raunen ging durch die Fachwelt, als Audi im September 2006 den ersten R8 der Öffentlichkeit präsentierte. Es war gleichzeitig eine Kampfansage an die etablierten Hersteller von Supersportwagen wie Ferrari, Porsche und Aston Martin. Der erste Mittelmotorsportwagen von Audi glänzte mit technischen Goodies, wie Aluminium-Space-Frame-Technik, einem 4,2 Liter grossen V8- oder wahlweise einem mit Lamborghini entwickelten V10-Zylinder, der bis zu 560 PS in der Ur-Version leistet. Garniert mit dem bewährten Quattro-Antrieb, mussten Porsche und Co. erkennen, dass sich hier sofort ein ernst zu nehmender Mitbewerber etabliert hat, der erfolgreich Jagd auf einen kleinen und exklusiven Kundenkreis macht. Die neue R8-Generation ist aus diesem Grund auch sofort wieder als R8 erkennbar. Die Audi Designer haben sich am Erscheinungsbild des Vorgängers orientiert und den neuen optisch etwas progressiver gezeichnet, angriffslustiger könnte man sagen. Die Kanten im Blech sind jetzt stärker angeschärft. Die einst markanten Sideblades präsentieren sich 2015 als zweigeteilte Designelemente. Schade, denn sie galten als ein wesentliches Erkennungsmerkmal des R8. Der V10 plus trägt am Heck einen starr montierten Spoiler aus Kohlefaser. In Verbindung mit einem verkleideten Unterboden und einem gewaltigen Diffusor am Heck bringt das komplette Aerodynamikpaket bis zu 40 Kilogramm Abtrieb an der Vorderachse und 100 Kilo an der Hinterachse.

Die Aluminium-Space-Frame-Plattform teilt sich der Mittelmotor-Renner mit dem Lamborghini Huracan. Audi betont, dass der neue R8 im Vergleich zum Vorgänger bis zu 50 Kilo an Gewicht verloren hat. In einem Segment, wo Leichtbau zählt und oft an jedem Kilo gefeilt wird, ist das ein ganz schöner Happen. Beim V10 plus bleibt die Waage für den betriebsfertigen Wagen bei 1555 Kilo stehen. Mitbewerber schleppen in dieser Klasse oft 200 bis 300 Kilo mehr mit sich herum. Aktuell gibt es ihn nur mit dem 5,2 Liter grossen, nach wie vor längs eingebauten V10 TFSI. Das ergibt unter der gläsernen Heckhaube ein beeindruckendes Bild. Der alte V8 entfällt, 2017 soll noch ein V6 Biturbo nachgeschoben werden.

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Feinster Hightech-Sauger statt banaler Turbo
Als Erstes fällt auf, dass Audi beim V10 wieder auf das bewährte Konzept eines hochdrehenden Saugmotors zurückgegriffen hat und entgegen dem allgemeinen Trend keinen Turbo verbaut. Sportwagen-Fans vernehmen das mit einem Entzücken, denn der Direkteinspritzer legt eine wunderbar harmonische und lineare Kraftentfaltung an den Tag. Er will aber auch gedreht werden. So liegt die Höchstleistung von 610 PS erst bei himmelhoch jauchzenden 8250 U/min an. Im Innenraum wird man erst mit vielen Schaltern konfrontiert. Besonders das Lenkrad des «plus» scheint etwas überladen und wirkt wie eine Reminiszenz der Le Mans-Rennwagen von Audi. Auch sonst fühlt sich der Fahrer, als würde er in einem Gruppe-C-Renner Platz nehmen. Man sitzt flach und sehr weit vorne, mit den vorderen Kotflügeln auf Schulterhöhe. Dank der grossen Frontscheibe hat man aber alles gut im Blick. Der Druck auf den im Lenkrad platzierten Startknopf verleiht dem Piloten die Herrschaft über 610 PS. Der R8 tut dies auch akustisch kund. Die Elektronik treibt den 10 Zylinder kurz auf über 2000 Touren und spätestens jetzt wird auch schwerhörigen Passanten klar, dass hier gleich ein Hightech-Fahrmonster den Weg kreuzt. Mit dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe S tronic rollt der Bolide aber erstmal harmlos vom Hof. Audi hat scheinbar auch beim neuen R8 grossen Wert auf Alltagstauglichkeit gelegt, denn mit einem relativ kleinen Wendekreis und einer (für einen Supersportwagen) grossen Bodenfreiheit ausgestattet, lässt sich auch der Grossstadtverkehr gut meistern. So schaltet sich auch abwechselnd eine Zylinderbank ab, wenn man nur wenig Leistung abruft. Aber hallo, wer will das schon mit so einer Bodenrakete?

Mordsspass auf dem Furkapass
Auf der Testfahrt durften wir ein paarmal den ehrwürdigen Furkapass hinauf- und wieder hinunterjagen. Auf der historienträchtigen Serpentinenstrasse verfolgte einst schon Sean Connery alias James Bond den Rolls Royce von Bösewicht Gerd Fröbe alias Auric Goldfinger. Die Passstrasse windet sich auf eine Höhe von über 2400 Meter hinauf und ist ein Teil der Grand Tour of Switzerland. Breite und gut ausgebaute Teilstücke wechseln sich mit engen und welligen Passagen ab, und über die Fahrbahn laufendes Schmelzwasser gemahnt zur Vorsicht. Ein ideales Terrain für den R8, um seine Qualitäten zu beweisen und um es vorwegzunehmen: Der Fahrer stürmt im R8 nicht nur gen Himmel, er fühlt sich dabei auch wie im siebenten. Denn der bei der Quattro GmbH in Kleinserie gebaute Sportwagen liefert eine perfekte Performance. Besonders beim Fahrwerk haben die Ingenieure ihre Hausaufgaben gemacht. Wirkte der alte R8 manchmal noch etwas sperrig, fühlt sich der 2015er-Jahrgang wunderbar leichtfüssig und neutral an. Selbst enge Kehren nimmt der Allradler neutral, ohne über die Vorderräder zu schieben. Das Beste an dem mit zahlreichen elektronischen Helferlein ausgestatteten Audi ist, man bemerkt sie nicht, so perfekt wirken Mechanik und Elektronik aufeinander ein. Dazu kommt der in Aluminium gegossene Traum von einem Motor, der in jeder Lebenslage agil und spritzig ist und mehr als genug Leistung abliefert. Ab 4500 Touren legt das Aggregat noch eine Leistungsspritze nach, dass man denkt, man stürmt über die Zielgerade von Le Mans und überholt gleich Tom Kristensen in der R8-Rennversion. Mit einem manuellen Schaltgetriebe würde man kaum mit dem Schalten hinterherkommen. Die S tronic nimmt einem die Arbeit perfekt ab, man kann natürlich auch selbst am Schaltpaddel die Gänge sortieren. Je nach Fahrerprofil bietet Audi vier Fahr-Modi an. Die Einstellung «dynamic» passt perfekt für die sportliche Passfahrt. Der zusätzlich im V10 plus offerierte Performance-Modus ist allerdings nur für die Rennstrecke geeignet. Hier schaltet die Elektronik erst bei ausgedrehtem Motor in den nächsten Gang. Die Kohlefaser-Keramik-Bremse ist über jeden Zweifel erhaben und im Strassenbetrieb sicherlich nicht an ihre Grenzen zu bringen.

 

 

Grand Tour of Switzerland, Furkapass

Die Grandtour of Switzerland ist eine Initiative des Schweizer Tourismusverbandes. Auf dieser über 1600 Kilometer langen Entdeckungsreise können Touristen die Schweiz mit all ihren Facetten kennenlernen. Die Ferienstrasse führt über 5 Alpenpässe, wie zum Beispiel den Furkapass, man sieht 22 Seen und durchquert 22 Städte. Entlang der Strecke hat Schweiz Tourismus 44 besonders lohnenswerte Sehenswürdigkeiten und mehr als 120 Ausflugstipps definiert. Als Einstiegsetappen empfehlen sich Genf, Chiasso und Basel. Audi und auch Harley-Davidson sind Kooperationspartner dieser Initiative und stellen unter anderem günstige Mietfahrzeuge zur Verfügung.

Mehr Infos gibt’s hier.

 

Technische Daten Audi R8 V10 plus
Preis ab 252 200 Franken
Hubraum 10-Zylinder Benzin, 5,2 Liter
Leistung 610 PS bei 8250 U/min
Drehmoment 560 Nm bei 6500 U/min
Antrieb Allradantrieb, Siebengang S tronic
0 bis 100 km/h 3,2 s
Spitze 330 km/h
Verbrauch 12,3 l/100 km (Werksangabe)
CO2 287 g/km (Werksangabe)
Aussenmasse 442 x 194 x 124 cm
Ladevolumen 112 l (vorne) und 226 l (hinten)
Markteinführung 2015
Konkurrenten Porsche 911 Turbo S (ab 240 300 Franken);
Lamborghini Huracan LP 610-4 (ab 249 000 Franken)

Fazit
Mit dem ersten Audi R8 gelang den Ingolstädtern sofort der Einstieg in die Welt der Supercars. Der neue unterscheidet sich optisch nicht viel vom alten. Aber in Sachen Technik und Fahrverhalten haben die Audianer den neuen R8 extrem nachgeschärft. Und obwohl die Luft in dieser Klasse sehr dünn ist, bewegt sich der V10 plus auf einer Augenhöhe mit dem Porsche 911 Turbo und dem ebenfalls allradgetriebenen Lamborghini. Manches kann er sogar besser. Denn im Alltagsbetrieb gibt er sich nicht so ruppig wie ein 911 Turbo und ist einfacher zu bewegen als ein kompromissloser Lamborghini. Einfach ein Traumwagen für jeden Tag.

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Fotos: Mitch Haussener, zvg