Der Diesewantrieb ist ja gerade in aller Munde. Leider mit einem schlechten Beigeschmack, seit dem Diesel-Gate von Volkswagen. Und dann auch noch als Kombi. Eine Kombination, die gähnende Langeweile verspricht. Nähern wir uns dem BMW 335d xDrive Touring trotzdem wohlgesonnen. Denn dieser Bajuware-Kombi verheisst schon Fahrspass, wenn man sich alleine die Titelbezeichnung auf der Zunge zergehen lässt.

BMW
335d
xDrive
Touring

Roy Black hätte sich verliebt

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«Ganz in Weiss…» sang schon der verstorbene deutsche Schlagerbarde und Frauenliebling Roy Black. Unschuldig in mineralweiss metallic steht er da, der BMW 335d xDrive Touring. Die helle Farbe lässt auch die im aktuellen BMW-Design so zahlreichen, aggressiv wirkenden Lichtkanten verschwinden. So sieht er trotz 312 Pferdestärken richtig harmlos aus. Einzig die aufpreispflichtigen 19 Zoll grossen Räder lassen etwas von der Potenz des schnellen Kombis erahnen. «Sleeper» nennen die amerikanischen Autofans solche Gefährte, die harmlos erscheinen, dann aber an der Ampel oder auf der Autobahn zeigen, was in ihnen steckt. Auch wenn die kleineren BMW-Baureihen Einser und Dreier im Innenraum nicht an die Anmutung der luxuriöseren Baureihen Fünfer und Siebener hinreichen, so ist unser Testwagen doch sehr glamourös in der Erscheinung und auch sehr gut verarbeitet. Das weitläufige und schön geschwungene Armaturenbrett suggeriert viel Raum, und die zahlreichen Bedienelemente sind übersichtlich angeordnet. Das Display ist aber nicht in den Armaturenträger integriert, sondern wirkt etwas aufgesetzt. Geschmacksache! Die Mittelkonsole ist asymetrisch ausgelegt, mit zum Fahrer geneigtem Automatik-Wählhebel und i-Drive Command-System. Die tollen, aber aufpreispflichtigen Sportsitze versprechen schon im Stand hohen Langstreckenkomfort und werden dem auch gerecht. Dank einer ausziehbaren Schenkelauflage bieten sie auch für Grossgewachsene ausreichende Verstellmöglichkeiten.

 

Surfen auf der Drehmomentwelle

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Wie schon erwähnt, liefert der Biturbo-Diesel 313 PS. Entscheidend aber beim Fahren des Touring ist der ausgezeichnete Drehmomentverlauf. Die zwei Turbos schaufeln schon bei niedrigsten Drehzahlen so viel Power in den Sechszylinder, dass dieser ab 1500 U/min ein Drehmoment-Hochplateau von 630 Newtonmetern liefert. Diese Kraft lässt erst ab 3000 U/min wieder nach. Zum Vergleich: Ein 15 PS stärkerer BMW 340 Benziner liefert rund 200 Newtonmeter weniger(!) Drehmoment an das Getriebe. So surft man mit dem Diesel schon bei niedrigen Drehzahlen auf einer absoluten Drehmomentwelle. In Verbindung mit der neuen, von Zulieferer ZF gebauten 8-Stufen-Automatik steht auch immer der passende Gang zur Verfügung. Obwohl kein DSG-Getriebe, arbeitet die Schaltbox so schnell und unauffällig, dass man sie im Fahrbetrieb schnell vergisst und den Wählhebel so gut wie nie zur Hand nimmt. Ein besseres Kompliment gibt es für eine Automatik nicht. Dabei klingt der grossvolumige Diesel gar nicht wie einer. Die BMW-Sound-Ingenieure haben dem Selbstzünder ein wohltuendes Brummen anerzogen, das eher an einen potenten, wenn auch nicht überzüchteten Benziner erinnert. So gerüstet, schwebt man auf der Schweizer Autobahn entspannt mit Tempo 120 dahin. Aber das ist nicht sein Revier. Einmal kurz aufs Gas und schon sind wir bei den deutschen Nachbarn, und jetzt geht der Spass los. Unnachgiebig schiebt der Biturbo die rund 1700 Kilogramm schwere BMW-Fuhre auf der bundesdeutschen Autobahn Richtung Horizont. Erst bei abgeriegelten 250 km/h Höchstgeschwindigkeit ist Schluss. Wer möchte, jagt den unscheinbaren Kombi in unter fünf Sekunden von null auf Tempo 100. Doch das sind Spielerein, die man sich als 335d-Pilot schnell wieder abgewöhnt. So belässt man es selbst auf tempolimitfreien Fernstrassen bei einem entspannten Tempo 200. Der Motor dreht dann im achten Gang gerade mal 2800 Umdrehungen.

 

 

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Genuss ohne Reue?

BMW gibt beim 335d einen Gesamtverbrauch von nur 5,6 Litern auf 100 Kilometer an. Selbst bei einem leistungsverachtenden Einsatz mit dem Gasfuss konnten wir den Wert nicht erreichen. Einen Liter Diesel mehr sollte man mindestens einkalkulieren. Im Testbetrieb mit etwa 20 Prozent flott gefahrenen deutschen Autobahnen kamen wir auf 7,4 Liter. Immer noch ein höchst anständiger Wert für einen Kombi dieser Leistungs- und Gewichtsklasse.

Und was bietet die Konkurrenz?

Wer sich einen potenten BMW zulegen will, findet auch oft bei den anderen deutschen Premiumherstellern Alternativen. Wer einen Blick auf die Angebote von Mercedes und Audi wirft, stellt schnell fest, dass es momentan keine wirklichen gibt. Mercedes bietet in der Klasse der kleinen Kombis gar keinen Sechszylinder Diesel an. Audi hat zwar einen 3.0 TDI Quattro im A4 Avant im Angebot. Dem fehlen aber auf den BMW rund 40 PS Spitzenleistung und 30 Newtonmeter Drehmoment.

Technische Daten BMW 335d xDrive Touring
Preis ab 65 700 Franken
Hubraum 6-Zylinder Biturbo Diesel, 3,0 Liter
Leistung 313 PS bei 4400 U/min
Drehmoment 630 Nm bei 1500 U/min
Antrieb Allradantrieb
0 bis 100 km/h 4,9 s
Spitze 250 km/h (abgeriegelt
Verbrauch 5,6 l/100 km (Werksangabe)
7,4 l/100 km (Praxisangabe)
CO2 148 g/km (Werksangabe)
Aussenmasse 463 x 181 x 143 cm
Ladevolumen 495 – 1500 Liter
Markteinführung 2015
Konkurrenten Audi A4 Avant 3.0 TDI Quattro
(ab 65 400 Franken)

Fazit:

Der 335d xDrive Touring ist genau das richtige Fahrzeug für Vielfahrer, die auch oft auf der deutschen Autobahn unterwegs sind. Denn dort kann man das Potenzial des 312-PS-Brenners erst so richtig auskosten. Der Spass für den Langstreckenheizer hat natürlich seinen Preis. Der mit allen Annehmlichkeiten ausgestattete Testwagen schlägt mit einem Preis von 97 240 Franken heftig ins Konto.

+ Souveräne Fahrleistungen; hohe Qualitätsanmutung, niedriges Drehzahlniveau auf Autobahn

– Hoher Preis, eingeschränktes Platzangebot hinten