Ist bigger auch better?

Mein erster Gedanke ist, wo bloss soll ich den hinstellen? Die blaue Zone in meiner Strasse ist zwar selten voll, einen Kompakten bringe ich da eigentlich jeden Abend unter. Aber einen 5,17-Meter-Koloss mit glänzendem Riesenmaul und Rücklichtern wie zwei Leuchttürme? Das könnte schwierig werden. Eine durch und durch imposante Erscheinung, der Cadillac Escalade. Unter den Luxus-SUV ist er der Grösste seiner Art. So dick, so breit und so lang ist sonst keiner! Die seit 2015 erstmals auch in Europa erhältliche Long-Version ESV kommt sogar auf 5,69 m. Da haben die anderen Schwergewichte Audi Q7 (5,05 m), Volvo XC90 (4,95 m) und BMW X6 (4,91 m) keine Chance. Ausserdem sind die drei schlanker um die Hüften: Mit einer Breite von 2,26 m ist der Escalade fast 30 cm breiter als die anderen drei grossen SUV. Das Allrad-Monster ist definitiv für amerikanische Strassenverhältnisse ausgelegt, für den American-Way-of-Life. Aber ist bigger auch wirklich better? Ennet dem Teich sicher. Hier bringen einem die Dimensionen dieses luxuriösen und sanften Riesen aber schnell mal in die Bredouille.

 

Mobiles Wohnzimmer und rollender Kinosaal

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Es fängt schon beim Einstieg an: Dank 22-Zoll-Reifen wird dieser nämlich zur Kletterpartie. Aus diesem Grund hat der Amerikaner auch ein Trittbrett, um auch den etwas behäbigeren Escalade-Fahrern einen bequemen Einstieg zu ermöglichen. Auch ich bin mit meinen knapp 1.60 m froh über das Trittbrett, welches zudem automatisch ausgefahren wird (steht aber auf der Optionenliste für 1750 Fränkli). Langsam lasse ich mich in die grossen Sitze gleiten, serienmässig 18-fach verstellbar, belüftet und beheizt und mit Massagefunktion. Ich bin umgeben von einer Welt aus wohlriechendem Leder, edlen Hölzern und gebürsteten Metalleinsätzen. Plastik sucht man vergebens, alles ist Luxus pur! Die Platzverhältnisse sind hinten wie vorne schier endlos. Ich komme mir vor wie in einem mobilen Multimedia-Wohnzimmer!

Die zweite Sitzreihe besteht aus zwei Chefsesseln, mit dazugehörigen Kopfhörern für den individuellen Hörgenuss. Die dritte Sitzreihe besteht aus einer Sitzbank, wie man es von normalen Autos her kennt. Der Kofferraum dieses amerikanischen Ungetüms ist mit 431 Litern im Verhältnis zur Grösse des Autos verschwindend klein. Aber: die dritte Sitzreihe wie auch die zwei Einzelsitze in der Mitte lassen sich elektrisch per Knopfdruck im Kofferraum nach unten klappen, womit sich verschwenderische 2668 Liter Ladevolumen ergeben, notabene mit ebener Ladefläche. Legt man da eine Matratze rein, wird der Cadillac zum Wohnmobil. Oder zum rollenden Kinosaal: Das Entertainment-System für die Rücksitze verfügt über einen mittigen 9-Zoll-Bildschirm, der am Dachhimmel angebracht ist und sich runterklappen lässt. So kann man im Chefsessel gemütlich DVD und Blu-ray-Filme ansehen, und das serienmässig. Das hab ich bisher nur in der Business-Klasse erlebt, bei massiv weniger Beinfreiheit! Aussen ist der Escalade schnittiger und kantiger geworden als die dritte Generation. Die Front wirkt gewohnt bullig, und der Kühlergrill aus Chrom sorgt für das obligatorische Blingbling. Die grossen Frontscheinwerfer ziehen sich neu entlang der Motorhaube nach hinten, was dem kantigen Ungetüm etwas Dynamik verleiht. Diese verfügen zudem über ein ganz neues LED-Fernlicht.

Ein echter Schwertransport

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Wie sich wohl der Corvette-Motor in diesem grossen Amerikaner macht? Der neue 6,2-Liter-V8 mit 426 PS ist sicher die richtige Wahl, um die 2,75 Tonnen in Fahrt zu bringen. Ich drücke also auf den Knopf und werde mit einem freundlichen und dezenten Grollen empfangen. Keine Frage, im Escalade darf der V8 seine Akustik nicht so kernig entfalten wie im Camaro oder in der Corvette. Der Siebensitzer ist dank dreifach abgedichteten Türen extrem leise unterwegs, bei gleichmässiger Fahrt hört man kaum Motor- und Windgeräusche. Ist auch richtig so, denn der grosse SUV ist voll auf Luxus und Komfort ausgelegt. Beim Beschleunigen sorgt das Drehmoment von 610 Nm für ordentlich Schub. In 6,7 Sekunden sind 100 km/h erreicht. Allerdings ist bereits bei 180 km/h Schluss, der Escalade ist eher Schwertransport als Schnellzug. Der V8 liefert seine Power an ein 6-Gang-Automatikgetriebe, das schnell hoch-, aber eher gemächlich runterschaltet. Gibt man Guzzi, nimmt der Escalade zuerst mal tief Luft, bevor er dann losprescht. Dank Zylinderabschaltung cruist der Riese bei sanfter Betätigung des Gaspedals nur auf vier Töpfen und spart dadurch ordentlich Sprit. Auf unseren Testfahrten, hauptsächlich Überland und auf der Autobahn, genehmigte er sich 13,2 Liter. Trotzdem dürfte der Schock bei der ersten Volltankung gross sein, der Tank des Escalade fasst 98 Liter. Beim Cruisen ist der Fahrkomfort einfach überragend. Das neue Allrad-Antriebssystem wird im «Auto-Modus» automatisch zugeschaltet, wenn die Unterlage nach mehr Traktion verlangt. Und dann noch die Anhängelast: 3100 kg. Das reicht für einen grossen Anhänger mit drei Vollblütern! Aber einen Nachteil hat er schon, der Escalade: Ich wage mich kaum in eine Tiefgarage damit und kaufe nur noch bei Aldi ein. Dort sind die Parkplätze gross genug!

 

Fazit

Seltenes Liebhaberstück

Dieses Auto ist eine klare Ansage. Es sagt, ich bin wichtig, ich habe Geld und es ist mir völlig egal, was andere denken. Punkt. 116 799 Franken kostet der Escalade Premium. Das ist kein Schnäppchen. Dafür ist er top ausgestattet: serienmässig an Bord sind Ultraschall-Einparkhilfe vorn und hinten, Spur-Assistent, automatischer Gurtstraffer, adaptiver Tempomat, elektrisches Schiebedach mit Sonnenrollo, beleuchtete Türgriffe, beheiz- und belüftbarer Fahrer- und Beifahrersitz, beheizbare zweite Sitzreihe, Dreizonen-Klimaautomatik, Head-up-Display, Bose-Surroundsystem mit 16 Lautsprechern sowie eine 360-Grad-Kamera. Um die Kaufkraft der Schweizer ist es ja bekanntlich nicht so schlecht bestellt. Trotzdem dürfte der Escalade in unseren Breitengraden ein seltenes Liebhaberstück bleiben.

 

Technische Daten Cadillac Escalade Premium
Preis ab 116 799 Franken
Hubraum V8, 6,2 Liter
Leistung 426 PS bei 5600 U/min
Drehmoment 610 Nm bei 4100 U/min
Antrieb Allradantrieb
0 bis 100 km/h 6,7 s
Spitze 180 km/h
Verbrauch 13,1 l/100 km (Werksangabe)
13,2 l/100 km (Praxisangabe)
CO2 302 g/km (Werksangabe)
Aussenmasse LxBxH 517 x 206 x 189 cm
Ladevolumen 431–2668 Liter
Markteinführung 2015
Konkurrenten Audi Q7 (ab 86 900 Franken); Mercedes-Benz GL 500 (ab 131 300 Franken)