Die Tuning-Szene geniesst heute ein zwielichtiges Ansehen zwischen Veredelung und verrucht. Das Wörterbuch übersetzt Tuning mit in Einklang bringen. Wikipedia definiert Tuning mit Feinabstimmung.

Tatsächlich umfasst Tuning ein enorm grosses Spektrum. Was früher aber in erster Linie verbessern und mehr Leistung herauskitzeln war, ist heute mehrheitlich individualisieren. Grosse Umbauten von PS-Zauberern im Hinterhof sind Vergangenheit.

Einerseits gibt es heute keine Schlechten mehr, und die Hersteller bieten immer raffiniertere, auf spezielle Bedürfnisse getrimmte Nischenprodukte für fast jeden Gusto an und hängen eine schier endlose Individualisierungsliste an.

Anderseits werden die einstigen Tuner-Paradiese zusehends auch vom Gesetzgeber eingebremst. Wo man früher noch mit Leistungskits, fetten Auspuffanlagen, super breiten Felgen und Tieferlegungen seine persönlichen Fans beeindrucken konnte und selbst aus einem biederen Alltagsvehikel ein spektakuläres Sportgerät zaubern konnte, werden heute enge Grenzen gesetzt, die den ganzen Aufwand mehr als fragwürdig machen.

Schliesslich gibt es heute bereits ab Werk für jedes Bedürfnis das richtige Fahrzeug, und die Hersteller sind ja auch keine Nasenbohrer, was das Leistungsvermögen betrifft. Leistung ist ohnehin heute kaum mehr ein Thema. Heute leisten bereits Kleinwagen so viel wie Sportwagen. Und definitiv zu viel für unsere Tempolimiten.

Technische Anpassungen sind für mich aber vor allem bei Sportfahrern, die regelmässig zu Rennstreckentrainings fahren und dort ihre Fahrzeuge bis zur Grenze belasten, sinnvoll. Ich empfehle meinen Kunden an unseren Trackdays (wirzmotorsport.ch) immer, ihre Fahrzeuge in Bezug auf Bremse, Fahrwerk und Sicherheit entsprechend umzurüsten. Diese Komponenten sind bei einem Strassenauto einfach anders ausgelegt und auf einer Rennstrecke meist hoffnungslos überfordert.

Damit wird klassisches Tuning mehr und mehr zur exotischen Randerscheinung. Trotzdem gibt es nach wie vor eine grosse Tuning-Szene mit ihren extremen Tuning-Cars, welche sie an Treffen unter Gleichgesinnten präsentieren. Hier werden biedere Alltagsautos zu einzigartigen Kunstwerken hochstilisiert. Mit Liebe, Hingabe und sehr viel Geld, das den Kaufpreis des Fahrzeugs meist mehrfach übersteigt, werden Showfahrzeuge kreiert. Sie sehen schrill aus, heimsen dafür Pokale ein, können aber wegen zu tiefer Fahrwerke und zu breiter Reifen gar nicht mehr richtig fahren.

Sinn oder Unsinn? Tuning, auch extremes Tuning kann ein schönes Hobby sein. Gegen Individualisierung ist auch nichts einzuwenden. Ich persönlich bevorzuge trotzdem Fahrzeuge, deren Konzepte von Grund auf aus einem Guss stammen und daher meistens vom Werk kommen. Aus einem Van und einem Geländewagen kann man keinen Sportflitzer machen. Oder ist gerade das der Reiz?

Faszinierend ist es zweifellos, wenn ein Tuner ein sportliches Spitzenprodukt in die Kur nimmt. Das sind dann mehr als Tüftler und PS-Zauberer. Das sind Entwickler, die beim Einzel-Tuning an die Grenzen der Machbarkeit gehen. Das ist auch für mich als Rennfahrer beeindruckend. Zum Beispiel, wenn RUF einen serienmässig schon hochkarätigen Porsche Turbo nach allen Regeln der Kunst tunt und ihm sagenhafte 802 PS entlockt.

Faszinierend fand ich aber auch immer das Tunen der Mopeds oder das Tunen einer Bierkiste. Schade ist dies nicht ganz so weit verbreitet! 😉

Fotos: zvg