Der McLaren 650s will Tempo. Wir haben ihm Speed gegeben und uns dem Geschwindigkeitsrausch ergeben.

Ein schnelles Auto braucht einen guten Piloten

Autos aus der Supersport-Liga bekommt man auch als gut vernetzte Autojournalistin nicht so häufig unter den Allerwertesten. Bei McLaren ist man da erfrischenderweise völlig unkompliziert. Einige E-Mails, ein paar Telefone und schon hab ich ihn, meinen 650 PS starken Boliden in knalligem Orange. Einen McLaren 650S. Welch Freude! Nicht nur für mich, auch das gesamte Produktionsteam hat ein fettes Grinsen im Gesicht, als ich ihnen den Shooting-Termin durchgebe. Nur etwas fehlt noch: ein cooler Pilot. Da ich lediglich Journalistin und keine Rennfahrerin bin, muss ich dringend noch jemanden organisieren, der das Baby anständig bewegen kann. Hier kommt Rennfahrer Fredy Barth ins Spiel.

Der liebe Fredy ist für solche Spässe immer zu haben. Ist ja auch kein Wunder. Schnelle Autos bereiten den meisten Menschen Freude, ihm als Rennfahrer natürlich besonders. Wir treffen Fredy an diesem sonnigen Donnerstagmittag in einem langweiligen Restaurant in Herrenberg, Deutschland. Er kommt vom Nürburgring, wir von Zürich, wo wir den orangen Teufel in unsere Obhut bekommen haben. Nach einer ordentlichen Portion Spätzle geht es endlich los. Das Ziel heisst «maximum speed» (mind. 300 km/h) auf der Autobahn. Vor uns liegen knapp 80 km mehrheitlich freies Asphaltband, in Tuningen (wie passend!) wollen wir wieder abfahren Richtung Schwarzwald. Gesittet fahren wir Richtung Einfahrt. Die kalten Karbon-Keramikbremsen quietschen noch. Das wird sich bald ändern. Wir haben also 80 km Zeit, unser Ziel zu verwirklichen. Doch wir machen uns keine Illusionen, 300 km/h auf deutscher Autobahn ist auch mit dem orangen Boliden kein Kinderspiel.

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Wir waren die Schnellsten

Doch schon nach wenigen Kilometern Autobahnfahrt müssen wir ernüchtert feststellen: es herrscht Bahnstreik und es scheint, als wäre halb Süddeutschland mit dem Auto unterwegs. Ständig werden wir von Langsamfahrern auf der linken Fahrspur ausgebremst. Manche huschen erschreckt auf die rechte Spur, andere wollen uns ein bisschen ärgern und bleiben extra lange links. Und dann sind da noch einige GTI-, RS-, R-, GT- und STI-Fahrer, die sich von uns arg provoziert fühlen und mithalten möchten. Dafür sind wir aber viel zu schnell, in nur 3 Sekunden erreichen wir die 100 km/h Marke. Das schlagen nur wenige: der Bugatti Veyron braucht dafür 2,5 Sekunden, der Porsche 918 Spyder 2,6 Sekunden, McLaren P1 hat 2,8 Sekunden und LaFerrari schafft es in 2,9 Sekunden. Und von diesen Kumpels ist weit und breit keiner zu sehen. Wir sind also definitiv die Schnellsten hier.

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Fast zu schnell für den Fotografen

Ein erster Versuch scheitert also kläglich, wir werden ausgebremst. Zwischenzeitlich stehen wir wegen einer Baustelle sogar im Stau. Es ist zum Verzweifeln. Doch Fredy gibt nicht auf. Plötzlich leert sich die Strasse vor uns, von hinten ist auch keiner zu sehen. Wir packen die Gelegenheit und drücken auf die Tube. Der Zeiger auf dem Tacho steigt und steigt. Die 200 km/h Marke ist rasch erreicht, in etwas mehr als 8 Sekunden. Bis Tempo 300 dauert es etwas länger. Die Bäume entlang der Autobahn fliegen nur so an uns vorbei, gleichzeitig fliegen mir auch wirre Gedanken durch den Kopf: heben wir bald ab? Sind wir schon bei 300? Werden wir jemals wieder stillstehen? Wie lange das Ganze gedauert hat, kann ich leider nur noch schätzen. Aber ab Tempo 200 waren es noch 10 bis 15 Sekunden, bis wir es geschafft haben. Zum Glück hat die GoPro im Innenraum alles dokumentiert! Genau genommen, sind wir sogar über das Ziel hinausgeschossen: 320 Km/h haben wir am Schluss drauf, bevor Fredy resolut in die Eisen steigt. Viel mehr geht nicht, McLaren gibt für den Spider eine Maximalgeschwindigkeit von 329 km/h an. An der Autobahnraststätte heisst es denn auch Abschied nehmen vom Rennfahrer. 43 Liter Benzin haben wir auf 100 Kilometern verbrannt. Kein Wunder, bei diesen Tempi! Fredy hat seinen Job tadellos erledigt und meine Handinnenflächen ziemlich ins Schwitzen gebracht. Nun heisst es ab in den Schwarzwald, damit wir den knalligen Supersportler am Schluchsee so richtig schön in Szene setzen können. Die schönen Aufnahmen seht ihr in unserem Video. Jetzt bin ich dran mit fahren! Und siehe da, der Muskelprotz scheint mich zu mögen und gibt sich ganz zahm. Gesittet und geschmeidig lässt er sich durch dich kurvigen Strassen im Schwarzwald lenken. Ich öffne das Dach und lasse den frischen Wind durch meine Haare gleiten. Doch auch ich kann nicht widerstehen, schalten mit den Schaltwippen am Steuerrad in den zweiten, dann in den ersten, lasse den Motor so richtig schön aufheulen und drücke meinen Fuss nach unten. Wie ein Pfeil prescht der englische Gentleman nach vorne und berührt mein Herz mit einem tiefen Grollen. Das Leben kann so schön sein!

Das sagt Fredy Barth über den schnellen Englischman

«Von diesem Auto kriege ich echt viel Feedback. Das Lenkrad liegt gut in der Hand, und auf der Autobahn ist er top, sehr geil zum angasen. Die Bremsen sind knallhart und verzögern sehr gut. Das Fahrwerk ist auch im Komfort-Modus sehr straff, und holprige Strassen sind mühsam. Die Fahrleistungen dieses Supersportlers sind beeindruckend, die Beschleunigung ist sehr sehr gut, und Kurven meistert er bravourös. Das Design ist mir ehrlich gesagt zu auffällig. Die Scheinwerfer aber gefallen mir, die sind vom P1 übernommen. Bei Vollbremsung mit grosser Geschwindigkeit stellt sich der Heckspoiler auf. Blöd, so sieht man im Rückspiegel nicht, was von hinten kommt. Aber sonst absolut geiles Geschoss.»

Fredy Barth mit dem McLaren 650s

Wheels Facts Supercars

Der Motor vom McLaren 650s wird von zwei Turboladern unter Druck gesetzt.
Aber wer hat`s erfunden? Ein Schweizer war`s. Schon 1905 meldet der Winterthurer Ingenieur Alfred Büchi das Patent zum Turbolader an. Der erste Einsatz findet in Schiffsdieselmotoren statt. Es vergehen aber noch über 70 Jahre bis sich der Turbo im PKW-Bau durchsetzen kann.

Der McLaren 650s – hot as fire!

Der McLaren 650s Spider ist ein Auto der Superlative: Die Bezeichung 650s bezieht sich auf die Leistung des Twin Turbo 3,8-Liter-V8-Motors. 650 PS liefert das aufgeladene Aggregat. «S» steht für Sport und unterstreicht das agile Handling und die Weiterentwicklung des Getriebes und Fahrverhaltens. Der McLaren wiegt trocken 1330 kg. So kommt der Supersportler auf ein Leistungsgewicht von zwei Kilogramm pro PS. Ein Pferdchen hat also nur gerade zwei Kilo zu schleppen. Leistung im Überfluss! Das maximale Drehmoment des Turboaggregats beträgt 678 Nm. Einiges der Technik im 650s stammt vom limitiert produzierten McLaren P1 und damit auch aus der Formel 1. Auch betreffend Aerodynamik hat man die Erfahrungen aus dem Rennsport einfliessen lassen. Das Design ist stromlinienförmig und ermöglicht höhere Abtriebswerte und mehr Grip.

Technik

Das Karbonchassis beherbergt Fahrer und Cockpit und wiegt nur gerade 75 Kilogramm.

Die LED-Scheinwerfer im Logo-Design verleihen dem Engländer einen unverwechselbaren Blick. Sie stammen vom McLaren P1.

Die massgeschneiderten Pirelli P Zero Corsa Reifen garantieren optimale Bodenhaftung und Fahrkomfort in allen Situationen und werden durch geschmiedete Fünfspeichen-Leichtmetallfelgen geschmückt. Vorne 19 Zoll und hinten 20 Zoll.

Der effiziente 3,8-Liter-Twin-Turbo V8 Motor verbraucht laut Werk nur 11, 7 Liter auf 100 km und stösst 275 g/km CO2 aus. Der Motor wiegt nur gerade 199 Kilogramm und wurde in Grossbritannien entwickelt. Dank der flachen Kurbelwelle und Trockensumpfschmierung ist der Motor extrem tief im Chassis positioniert, was einen tiefen Schwerpunkt garantiert.

Das zweiteilige Dach kann in nur 17 Sekunden geöffnet und geschlossen werden. Und das bei Geschwindigkeiten bis zu 30 km/h.

Die grossen Lufteinlässe vorne und an der Seite versorgen grosse Kühler mit viel Luft, damit der mittig sitzende Motor nicht zu heiss wird.

Die McLaren Airbrake katapultiert den Heckspoiler beim Bremsen bei hoher Geschwindigkeit nach oben. Das garantiert optimalen Abtrieb über das gesamte Heck.

Die Karbon-Keramik-Bremsen verzögern das Fahrzeug knallhart.

Die Rückfahrkamera zwischen Stossfänger und Heckdiffusor verbessert die Übersichtlichkeit.

Die Leistung des McLarens wird über ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe an die Räder übertragen. Die Gänge werden automatisch oder manuell durch Wippen am Lenkrad verwaltet.

Die Lenkung ist sehr direkt und präzise bei geringer wie auch hoher Geschwindigkeit.

Durch straffere Federn und Stossdämpfer wurde der Fahrkomfort und die Strassenlage verbessert. Die Stossdämpfer sind hydraulisch miteinander verknüpft und passen sich dem Strassenzustand an.

Bei Antrieb und Fahrwerk kann zwischen den Fahrmodi Normal, Sport und Track gewählt werden. Sie beeinflussen Gasannahme, Schaltung und Federung.

Vom Rennstall zum Hersteller von Strassen-Supersportlern

1965 gründet der neuseeländische Rennfahrer Bruce McLaren seinen eigenen Rennstall. 1966 gewinnt er auf einem Ford GT 40 bei den 24 Stunden von Le Mans. Er gilt als Rennfahrer-Wunderkind und war bis zum Jahre 2003 der jüngste Rennfahrer, der bei einem Formel-1-Grand-Prix einen Sieg holte. McLaren war auch als Konstrukteur mit seinen Autos in der Formel 1 und bei Sportwagenrennen, wie der amerikanischen Can Am-Meisterschaft erfolgreich.

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Der erste McLaren für die Strasse

1969 beginnt Bruce mit dem Bau des ersten McLaren für die Strasse. Der M6 GT ist ein verkappter Rennwagen mit einem mächtigen V8-Motor von Chevrolet. Der 800-Kilo-Bolide leistet rund 350 PS, beschleunigt in 4,2 Sekunden auf Tempo 100 und rennt knapp 300 Sachen. Für Ende der Sechziger ein Wahnsinn auf Rädern. Er dürfte damit der schnellste Strassensportwagen seiner Zeit gewesen sein. Doch schon 1970 verunglückt Bruce McLaren bei Testfahrten mit einem Can Am-McLaren tödlich. Die Produktion des M6 GT wird daraufhin gestoppt. Es entstanden nur zwei Exemplare. Erst 23 Jahre später baut die Firma McLaren, mittlerweile unter der Leitung von Ron Dennis, mit dem Typ F1 wieder einen Strassensportwagen. 2010 wurde McLaren Automotiv gegründet und die Modelle 12C und 12C Spider vorgestellt. Danach wurde am Pariser Salon 2012 der P1 mit brachialen 916 PS Leistung präsentiert. Es ist geplant, jedes Jahr ein neues Modell auf den Markt zu bringen. Dieses Jahr wurde in New York mit dem 570s ein neuer Einstiegs-McLaren vorgestellt. 570 PS sollen für den Einstieg reichen.

Fotos: Mitch Haussener, zvg