Das japanische Ungetüm hat die Herrschaft über die asphaltierten Strassen an sich gerissen und will vor allem eines: Eindruck schinden! Doch der Nissan GT-R hat durchaus auch eine sanfte Seite. Aber eine holprige!

 

Godzilla macht Eindruck

Er sieht wirklich zum Fürchten aus, der Nissan GT-R Track Edition. Oder Godzilla, wie er von seinen Fans liebevoll genannt wird. Ein durchaus passender Name für dieses dunkelgraue, kantig-bullige japanische Monster. Die grosse, breite Frontschürze macht einen solchen Eindruck, dass Automobilisten bereitwillig Platz machen, sobald der GT-R im Rückspiegel auftaucht. Er hat aber keine ernstzunehmende Konkurrenz: Bestückt mit einem längs eingebauten V6 und zwei Turbos entwickelt er einen Vorwärtsdrang, der seinesgleichen sucht. Allradantrieb, Doppelkupplungsgetriebe, Launch Control, Fahrwerkstechnik vom Feinsten und Heerscharen elektronischer Helfer. Jeder V6 ist von Hand montiert und trägt die Signatur seines Motorenbauers. Dieses Herzstück entwickelt 550 PS und ein maximales Drehmoment von 632 Nm. In 2,7 Sekunden sind dank Launch Control 100 km/h erreicht. Schluss ist erst bei 315 km/h. Da müssten schon Porsche 911 Turbo S, Lamborghini Huracan, McLaren MP4 oder Audi R8 auftauchen, um dem GT-R die Herrschaft streitig zu machen. Die Track Edition ist auf pure Performance ausgelegt und wurde von Motorsport-Experten der Nismo-Abteilung entwickelt. Das sieht man Godzilla auf den ersten Blick an: Felgen im 6-Speichen-Design und riesige Luftlöcher in der Frontschürze zur Erfrischung des doppelt zwangsbeatmeten V6-Mockens. Die Lufteinlässe vorn dienen nicht allein der Kühlung, sondern verbessern auch die Aerodynamik. Die Nismo-Ingenieure haben ihre Erfahrungen aus dem Rennsport einfliessen lassen. Und sie haben die Karosserie noch steifer gemacht: Mit leichten, hochfesten Stählen, Kohlefaser und Aluminium-Druckgussteilen bei den Hauptkomponenten des Fahrwerks wird der GT-R noch kompromissloser: beste Performance von Fahrwerk und Lenkung und mehr Stabilität bei sehr hoher Geschwindigkeit.

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Auf dem kleinen Kurs vom TCS Stockental waren die Bedingungen für das japanische Monster alles andere als ideal. Bei Temperaturen von unter 5 Grad kamen die Reifen nicht auf Arbeitstemperatur, und bei der rutschigen Fahrbahn kann man die gewaltige Kraft nicht im Mindesten auskosten. Trotzdem fährt sich der GT-R in der Track Edition auch bei diesen Bedingungen einfach. Wenn man als Pilot vernünftig bleibt und alle Assistenzsysteme schalten und walten lässt! Aber seht selbst im Video!

 

Artgerechte Haltung? Nur auf der Rennstrecke…

Schön wärs, wenn man Godzilla jeden Tag auf der Strecke bewegen könnte. Die Rennstrecke ist definitiv das angestammte Territorium der Track Edition, nur dort kann er artgerecht gehalten werden. Denn die Track Edition wurde von der Motorsportabteilung Nismo aufgemotzt; erhöhte Karosseriesteifigkeit, optimierte Kotflügel mit Luftabführung, massgeschneiderte Stabilisatoren , Aluminium-Räder, Hochleistung Modifikationen an der Radaufhängung und natürlich entsprechende Bereifung. Doch der Supersportler muss auch im Alltag funktionieren, und das kann er sogar sehr gut. Er lässt sich gerne cruisen und ist im Komfortmodus auch weniger kompromisslos als im Sportmodus. Der Supersportler hat nämlich auch eine sanfte Seite: Bei gemütlicher Fahrt schaltet die Automatik schon bei 40 km/h in den vierten Gang und bei 70 km/h in den sechsten, ganz sanft und ohne Rumgetöse. Das Sechsstufen-Doppelkupplungsgetriebe in Transaxle-Einbaulage lässt sich mit den Schaltwippen am Lenkrad selber schalten. Allerdings sind diese fest verankert und lenken nicht mit dem Lenkrad mit.

Trotzdem ist eine Fahrt durch die Innenstadt eine sehr holprige Angelegenheit, und jeder Abwasserdeckel sendet einen freundlichen Gruss ans Rückgrat der Insassen. Anders als andere Muskelprotze verfügt der GT-R über 2+2 Plätze und über einen Kofferraum von 315 Litern. Zwar werden die hinteren zwei Co-Piloten ziemlich zusammengequetscht in den Schalensitzen, haben so bei rasanter Fahrt aber ausreichend Seitenhalt. Zwischen den hinteren zwei Mitfahrern sind zwei grosse Subwoofer platziert für die tiefen Töne. Neun weitere Lautsprecher im ganzen Auto sorgen für perfekten Sound. Doch eigentlich möchte man nur dem tiefen Brummen des hochgezüchteten V6 lauschen: Kernig und mit vollem Klang kündet er sein Erwachen an, wer ganz genau hinhört, bekommt beim Beschleunigen sogar das leise Summen der Turbolader mit. Sonst ist es im GT-R etwas ruhiger geworden, und auch die Vibrationen wurden im Vergleich zum Modelljahr 2012 deutlich verringert. Die vorderen Sitze krallen sich um Fahrer und Beifahrer. Das Interieur des Track Edition ist in leidenschaftlichem rot-schwarzem Leder gehalten, dazwischen zieren einige Elemente in Carbonoptik den Innenraum. Auf dem Lederlenkrad prangt gross das GT-R-Emblem. Die Übersicht ist eigentlich nur gegen vorne gut. Zum Glück verfügt die Track Edition über eine serienmässige Rückfahrkamera, die Sicht gegen hinten ist nämlich praktisch nicht vorhanden.

 

Launch Control!

Der Fahrer wird im Cockpit mit zahlreichen Informationen gefüttert: Zehn verschiedene Bildschirmdarstellungen geben unter anderem Auskunft über die g-Kräfte, die Drosselklappenstellung, den Lenkwinkel, die Öltemperatur oder den Öl- und Ladedruck. Dazu gesellen sich eine grosse Anzahl an Knöpfen und Drehschaltern, wo sich die zahlreichen elektrischen Helferlein steuern lassen. So wie die drei Regler in der Mittelkonsole, die den GT-R auf Wunsch zum Tier machen. Und wir wollen das Tier. Das Tier, das in 2,7 Sekunden Tempo 100 erreicht. Dafür werden die drei Regler in der Mittelkonsole auf maximalen Sport gestellt. Der linke Fuss kommt auf die Bremse und der rechte Fuss gibt Gas bis 4000 Umdrehungen. Und jetzt? Einfach weg von der Bremse! Die Beschleunigung ist überwältigend, wie eine Rakete prescht der GT-R nach vorne und drückt seine Insassen in die Recaro-Sportsitze. Man wähnt sich in einer Achterbahn. Alles fliegt an einem vorbei, und man kann kaum Luft holen. Wer auf dem Gas bleibt erreicht in ungefähr 35 Sekunden 315 km/h, die Höchstgeschwindigkeit von Godzilla. Auf helvetischen Strassen ist das aber eher ungesund.

Der Supersportler-Allradantrieb

Das Allrad-System des GT-R steuert kontinuierlich die optimale Drehmoment-Verteilung zwischen Vorder- und Hinterachse. Auf trockener Bahn ist er als reiner Hecktriebler unterwegs, bei weniger stabilen Verhältnissen, je nach Schlupf, gelangen bis zu 50 Prozent der Kraft an die Vorderachse. In die kompakte und leichte Transaxle-Einheit an der Hinterachse sind der Achsantrieb, das Verteilergetriebe und das Sperrdifferenzial integriert. Die Kontrolle der Kraftverteilung erfolgt kontinuierlich. Verschiedene Sensoren erfassen die Quer- und Längsbeschleunigungen, den Lenkwinkel, den Schlupf an den Reifen und den Gierwinkel. Im GT-R misst zusätzlich ein Sensor die Differenz zwischen dem aufgrund des Lenkwinkels errechneten Ziel-Gierwinkel sowie dem über den Gierwinkel- und G-Sensor tatsächlich ermittelten Wert. Danach erfolgt auch über diesen Parameter eine automatische Korrektur der Momentenverteilung.

 

Technische Daten Nissan GT-R Track Edition
Preis ab 133 900 Franken
Hubraum Twin-Turbo-V6, 3,8 Liter
Leistung 550 PS bei 6400 U/min
Drehmoment 632 Nm bei 3200 U/min
Antrieb Allradantrieb
0 bis 100 km/h 2,7 s
Spitze 315 km/h
Verbrauch 11,8 l/100 km (Werksangabe)
12,7 l/100 km (Praxisangabe)
CO2 275 g/km (Werksangabe)
Aussenmasse 467 x 189 x 137 cm
Ladevolumen 315 Liter
Markteinführung 2015
Konkurrenten Audi R8 (ab 219 900 Franken); Porsche 911 Turbo S (ab 240 300 Franken)

Fazit

Dieses Auto ist definitiv eine Legende. Der GT-R wurde 2007 als Nachfolger des berühmten Nissan Skyline lanciert, aber komplett neu entwickelt. Er war und ist eine japanische Kampansage an sämtliche Seriensportwagen der Neuzeit. Der GT-R Nismo mit 600 PS hält mit 7:08.679 Minuten pro Runde gar den derzeitigen Rundenrekord auf der Nordschleife für Serienfahrzeuge. Sehr sexy, aber für den Alltag? Für meinen Geschmack hat der GT-R Track Edition fast ein bisschen zu viel Power. Klar werden die 550 Pferdchen von Fahrwerk, Bremsen und elektronischen Helferlein zuverlässig gezügelt. Und im Alltag überzeugt Godzilla mit viel Platz und einigermassen komfortablem Handling. Trotzdem: Das Biest ist im normalen Leben einfach unterfordert und wer nicht gleich neben einer Rennstrecke wohnt, kann den GT-R gar nicht artgerecht halten. Es wäre ja blöd, 135 000 Franken in der Garage stehen zu lassen. Wer schon so ein tolles Auto hat, sollte es auch anständig bewegen!

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Fotos: Mitch Haussener