Der legendäre «Threewheeler» ist zurück: Slingshot heisst das brandneue heisse Eisen auf drei Rädern. Glänzendes Leistungsgewicht macht aus dem kuriosen Dreirad ein wahres Spassgefährt zum Schnäppchen-Preis.

Schleuder auf drei Rädern
Ebenso selten wie extravagent und total offen: Am neuen Dreirad «Slingshot» hätte Hollywood-Legende Peter Sellers seine wahre Freude. Im Kino-Klassiker «Der Partyschreck» von 1968 steuert der britische Komiker zwar kurios, aber irgendwie schon wieder cool einen Morgan Threewheeler durch Beverly Hills. Heutzutage könnte er sich als ebenbürtigen Blickfang einen Slingshot von Polaris schnappen – und neben dem auffälligen Flanieren durch L.A. wäre noch ein fahraktiver Abstecher auf den Mulholland Highway ergiebig. Denn das Dreirad der Neuzeit ist mit 175 PS zwar nicht gerade üppig motorisiert, glänzt jedoch dank schlanken 786 kg Ballast mit ziemlich exakt jenem Leistungsgewicht von 4,49 kg/PS, das sich Käufer eines Porsche Boxster 3.4 S stolze 76.300 CHF kosten lassen – rund das Doppelte von dem, was nach der Schweizer Homologation fürs US-Dreirad fällig sein wird.

Die Bergstrassen zu Füssen des Mont Blanc sind wie geschaffen für das agile, neuartige Dreirad Slingshot von Polaris – und umgekehrt. «Steinschleuder» bedeutet der Name im Englischen, und wie ein Geschoss geht es auch ab, das 175 PS (129 kW) starke Unikum. Aber warum ausgerechnet ein sogenannter «Threewheeler»? Der US-amerikanische Polaris-Konzern, bekannt für Schneemobile, Quads und die Motorräder der Marken Indian und Victory, wollte etwas Einzigartiges auf die Räder stellen. Heraus kam ein zweisitziges, Roadster-ähnliches Vehikel mit Lenkrad und Sicherheitsgurten – aber eben nur drei statt der gewohnten vier Räder. Der Slingshot ist relativ kurz (3,80 Meter), dabei extrem flach (nur 1,32 Meter) und mit knapp 2,00 Meter aber etwas breiter als ein Lamborghini Huracán. Das Vorhaben der Einzigartigkeit ist gelungen, denn der Slingshot bietet das Frischluft-Feeling eines Motorrads und die hohen Kurventempi eines Roadsters.

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Batmobil mit 3 Rädern
Erst ungewohnt, dann sehr spassig und erstaunlich schnell vertraut: das Threewheeler-eigene Fahrgefühl. Die mächtig breite Vorderachse sorgt unter den Batman-artigen Kotflügeln für reichlich Grip vorne, während die 255er-Gummiwalze hinten mit Leichtigkeit schwarze Streifen auf den Asphalt malt. Die Antriebskraft gelangt über einen kohlefaserverstärkten Zahnriemen zum Hinterrad. Für geschmeidigen Vortrieb sorgt ein relativ grossvolumiger 2,4-Liter-Sauger, der sonst US-Pkw wie den Pontiac Solstice antreibt. Im Slingshot erwacht der Vierzylinder so richtig zum Leben und beweist Temperament. In Kombination mit einem knackigen Fünfgang-Getriebe ist auch in dieser Hinsicht ungetrübter Fahrspass garantiert.

Egozentrisch, abenteuerfreudig und selbstsicher – so soll er laut Marketing-Text sein, der Slingshot-Pilot. Und tatsächlich: Wer im Power-Dreirad durch die Strassen fährt, sitzt unweigerlich im Mittelpunkt des Geschehens. Überall verdrehen sich die Menschen den Kopf nach dem ungewöhnlichen Gefährt, wozu bereits von vorne die futuristische Silhouette beiträgt. Dann das offene Cockpit mit sehr niedrigen Seitenwänden und von hinten ein völlig ungewohntes Bild: Der einsame 255er-Reifen mit Mono-Federbein und Zahnriemen unter den Überollbügeln der ein bis zwei nebeneinander sitzenden Slingshot-Passagiere. Die verzichten zwar auf Komfortmerkmale wie Heizung oder Klimaanlage, geniessen aber im Europa-Modell Slingshot SL (das mittlere von drei US-Modellen) immerhin den satten Sound aus einer Audioanlage mit USB-Anschluss. Und über einen kleinen Monitor können sie versuchen zu erkennen, wo sie im Rückwärtsgang hinsteuern. Beim direkten Blick nach hinten ist nämlich Blindflug angesagt.

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Brille ist Pflicht, Helm empfehlenswert!
Trotz Bord-Entertainment: Musik ist im Slingshot überflüssig, denn der Klang aus dem Auspuff ist sonor und betörend, ohne auf Dauer zu nerven. Anstrengend wirkt dagegen der Singsang, den die Insassen vom Antriebsstrang her vernehmen: Irgendwo zwischen Winkeltrieb und Zahnriemen entsteht im Schiebebetrieb ein Geräusch, auf das man gerne verzichten würde – ein Argument mehr, mit dem Slingshot möglichst oft Gas zu geben, damit der gefällige Motorsound wieder überwiegt. Selbst mit aktivierten Helferlein (neben ABS sind ein elektronisches Stabilitätsprogramm und eine Traktionskontrolle Serie) sind spür- und geniessbare Driftwinkel möglich. Die Antriebskraft bringt noch im zweiten Gang das Hinterrad auf Wunsch zum Durchdrehen. Wer etwa auf der Rennstrecke die elektronischen Rückversicherungen ausschaltet, geniesst berechenbares Übersteuern und Driften in Reinkultur – spätestens hier wird das Dreirad-Konzept bestätigt.

Der Sprint aus dem Stand auf 100 km/h ist im Slingshot in geschätzten 5,5 s erledigt, und wegen des extremen Frischluft-Cockpits fühlt er sich sogar noch schneller an. Ebenso meint man bei Tempo 100, bereits 150 auf dem Tacho zu haben. An 220 km/h Spitze braucht man da gar nicht zu denken, die Fahrfreude im offenen Dreirad kommt um Lichtjahre früher auf. Offizielle Angaben zur Beschleunigung fehlen ebenso wie zum Verbrauch. Wir schätzen, dass ein Fahrer im Cruiser-Modus mit rund 8 l/100 km hinkommt. Bei beherzter Kurvenjagd können aber auch bis zu 15 Liter durch die Leitung fliessen. Aber einem derartigen Spassgefährt sei auch dieser Durst gegönnt.

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Fazit
In den USA ist der Polaris Slingshot seit etwa einem Jahr zu haben. Davon machten bisher 9000 Fans Gebrauch, rund die Hälfte der Threewheeler ist bereits ausgeliefert. Ein Helm ist in der Schweiz zwar nicht Pflicht, jedoch wegen des offenen Cockpits sehr empfehlenswert. Wegen der niedrigen Frontscheibe ist ohnehin eine Fahrerbrille hilfreich. Ausserdem ist hierzulande der Pkw-Führerschein ausreichend. Die Lieferzeiten für das relativ erschwingliche Spassgefährt auf drei Rädern sollen auch in der Schweiz überschaubar sein. Wer Wert drauf legt, könne sich seinen brandneuen Slingshot sogar noch 2015 unter den Weihnachtsbaum stellen – flach genug ist er ja dafür…

Technische Daten Polaris Slingshot SL
Preis ab Noch offen
Hubraum 4-Zylinder Benzin, 2,4 Liter
Leistung 175 PS bei 6400 U/min
Drehmoment 227 Nm bei 4700 U/min
Antrieb Heckantrieb, Fünfgang manuell
0 bis 100 km/h Ca. 5,5 s
Spitze 220 km/h (abgeriegelt)
Verbrauch Ca. 10 l/100 km
CO2 Keine Angabe
Aussenmasse LxBxH 380 x 197 x 132 cm
Leergewicht 786 kg (fahrfertig)
Markteinführung 2016
Konkurrenten Can-Am Spyder F3 (ab ca. 24 600 Franken);
Caterham Seven S3 (ab ca. 50 000 Franken)

Bilder: Keyran Sorton