Spätestens seit dem legendären CTR Yellow Bird zählt die schwäbische Automobilmanufaktur RUF zu den ganz Grossen in der Szene. wheels! hat den jüngsten Streich der Allgäuer, den RGT 4.2, auf den Allgäuer Strassen ausgeführt.

Weiss wie die Unschuld, von wegen!
Bereits beim ersten Anblick entfährt dem wheels!-Redaktor ein leises «Wow!». Eigentlich bin ich kein Freund von weiss lackierten Fahrzeugen, aber der RGT 4.2 steht mit seinen 20-Zoll-Rädern und der verbreiterten Karosse so satt auf der Strasse, dass mir in Verbindung mit der deutschen Renn-Farbe Weiss sofort «Gas geben, Rennen fahren, Erster werden» in den Sinn kommt. Um genau zu sein, sind es an der Hinterachse 12 Zentimeter, die der Elfer an Breite zulegt. Die sichtbaren Schrauben an den Kotflügeln sind eine gelungene Reminiszenz an den 993 GT2 von 1995, dem stärksten serienmässigen luftgekühlten Elfer. Marcel Groos, Junior von Firmenchef Alois Ruf, reicht mir den Schlüssel, mit dem dezenten Hinweis, dass dieses Exemplar kurz vor der Auslieferung nach Singapur steht. Aha, also Vorsicht mit dem rechtsgesteuerten Exemplar. Mit einem millionenschweren asiatischen Geschäftsmann möchte ich mich wegen einem Rempler an der blütenweissen Karosserie nicht anlegen müssen. Im Innenraum findet man sich Porsche-typisch schnell zurecht. Auffällig sind die dickeren Holme an der A-Säule. Marcel erklärt, dass im Rohbau die Karosse einen versteifenden und schützenden Überrollkäfig spendiert bekommt. An der B-Säule ist dieser gut sichtbar. Die Querstrebe kann auch kurzerhand demontiert werden, dann ist der RGT ein 2+2-Sitzer, wie jeder normale Elfer auch. Schon beim Startvorgang wird dem Fahrer bewusst: Hinter der Besatzung spielt ein Hochleistungsaggregat feinster Güte die Musik. Jede noch so kleine Bewegung des Gasfusses wird blitzschnell in Drehzahl umgesetzt.

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Bessere Fahrleistungen als ein 911 GT3 bei gleichzeitig höherem Komfort
Dieses Wundertriebwerk basiert auf dem 4 Liter grossen Sechszylinder Boxer des 911 GT3 RS 4.0 mit Trockensumpfschmierung. Die Konstruktion geht noch auf das ursprünglich luftgekühlte 911-Aggregat zurück. Die RUF-Männer vergrössern den Hubraum auf 4,2 Liter und verfeinern alle Innereien. Das Ergebnis, ein Motor, der bis in höchste Drehzahlregionen jubiliert. Begleitet von einer dreistimmigen Auspuff-Fanfare stehen bei 8350 U/min 525 PS an. Vielleicht der letzte seiner Art. Denn Porsche stellt aktuell alle 911-Modelle von Saug- auf Turbo-Motoren um. Der drehzahlgierige Boxer harmoniert gut mit dem im Singapur-Exemplar verbauten PDK-Getriebe, wobei ich persönlich das handgeschaltete 6-Gang-Getriebe bevorzugen würde. Geschmacksache! Begeisternd für den Lenker ist vor allem die gleichmässige und sanfte Leistungsentfaltung. Besonders bei einem hochgezüchteten Motor spürt man, dass schwingungstechnisch ein Boxer immer noch die beste Motorenlösung ist, vom niedrigen Schwerpunkt gar nicht zu reden. Der brutale Drehmomenthammer, den die Turbo-Aggregate schwingen, fehlt beim RGT 4.2. Genau aus diesem Grund greifen versierte Hobby-Rennfahrer gerne zum RGT 4.2. Er lässt sich auf der Rennstrecke im Grenzbereich einfach leichter fahren. Trotz der breiten Karosse kratzt ein gut eingefahrener RGT an der 330er-Marke. Die vordere Schürze mit den drei grossen Lufteinlässen erinnert an die ersten Turbo-Schürzen von RUF. Den voluminösen Heckspoiler aus Sicht-Carbon nennen die RUF-Leute schmunzelnd «Batman-Spoiler». Der Motordeckel darunter wird aufwändig weiter nach unten verlängert. Damit wird die Wartung am RUF-Triebwerk erleichtert. Der Breitbau stemmt sich mit seinen bis zu 345 Millimeter breiten Gummiwalzen in die Kurven und lässt sich zielsicher dirigieren. Geht man an den Grenzbereich heran, bemerkt der sensible Fahrer, wie sich das Fahrwerk noch mal mit einer leichten Nickbewegung deutlich gegen die seitlich wirkenden G-Kräfte entgegendrückt. Schade, dass sich bei Pfaffenhausen keine Rennstrecke in der Nähe befindet. Zu gerne würde ich einmal die Fahrhilfen deaktivieren und den RGT mit einem heftigen Übersteuern in die Kurve schmeissen. Aber halt, vielleicht hätte ein gewisser RUF-Liebhaber aus Singapur etwas dagegen.

 

Der RUF des Alois

Alois-Ruf
Porschefahrer und -liebhaber sind schon sonderbare Typen. Sie gehören zu der Zunft, die ihre Sportwagen möglichst original im Auslieferungszustand schätzen. Porsche-eigene Updates und Modifikationen sind geduldet. Legt ein Tuner Hand an einen Porsche-Sportwagen an, rümpft der gusseiserne Porsche-Fan die Nase. Ganz anders bei den Fahrzeugen der Allgäuer Manufaktur RUF. Firmenchef Alois Ruf und seine Kreationen geniessen bei den Porschisti Kultstatus. Ganz besonders ein Modell: Der legendäre RUF CTR «Yellow Bird». Es war Ende der achtziger Jahre und die Zeit der Supersportwagen Ferrari F40, Jaguar XJ 220 und Porsche 959. Der CTR, bestückt mit einem 469 PS starken Biturbo, schlug sie alle. Die heute noch eindrucksvollen Fahrleistungen: Eine Beschleunigung von 0 auf Tempo 200 in nur 11,4 Sekunden und damit rund 2 Sekunden schneller als der Zuffenhausener Hightech-Superstar Porsche 959. Auch in der Spitzengeschwindigkeit lag der «Yellow Bird» vor dem 959: 342 km/h zu 315 km/h. Schon seit Anfang der achtziger Jahre zählt RUF zu den Herstellern. Jeder aufwändig aufgebaute Wagen bekommt eine eigene Fahrgestellnummer und ist ein «RUF» und kein Porsche mehr. Aktuell produziert die Allgäuer Mannschaft etwa 30 Fahrzeuge im Jahr. Aber auch Kundenfahrzeuge werden modifiziert. Mit der Abteilung Restaurierung historischer Porsche-Modelle gründet Chef Alois Ruf in den achtziger Jahren ein weiteres Standbein. Der Grund war ganz pragmatisch. «Wer weiss, vielleicht kommt bald das Tempolimit in Deutschland, und wir können dann keine getunten Porsches mehr an den Mann bringen», tönt der Firmenchef in den achtziger Jahren. Eine der wenigen Fehleinschätzungen des Allgäuers. Zum Glück für ihn und alle Fans von optimierten Elfern.

Die Werkstatt

Technische Daten RUF RGT 4.2
Preis ab ca. 250 000 Franken
Hubraum 4187 ccm
Motor 6 Zylinder
Leistung 525 PS bei 8350 U/min
Drehmoment 350 Nm bei 4000/min
Antrieb Heckantrieb
Fahrwerk 6-Gang manuell
0 bis 100 km/h 3.5 s
Spitze 322 km/h
Verbrauch 13,6 l pro 100 km
Masse Leergewicht 1400 kg
Räder vorne 10×20 Zoll, Reifen 285/35R20
Räder hinten 12,5×20 Zoll, Reifen 345/30R20

 

Fazit
Es ist nicht einfach, einen Porsche noch besser zu machen. Aber die kleine Manufaktur RUF im süddeutschen Allgäu zelebriert Sportwagenbau vom Feinsten. So mutiert der RGT 4.2 zum Porsche hoch 2 und kann locker mit den grossen Namen in der Szene mithalten.

Mehr Infos unter www.ruf-automobile.de

Fotos: Mitch Haussener, zvg