Die einen lieben den Smart aus Überzeugung, die anderen hassen ihn inbrünstig, haben aber oft nur subjektive Argumente anzuführen, warum das so ist. Ich muss zugeben, die erste Smart-Generation habe ich auch verschmäht, weil sie mir nicht das gegeben hat, was ich von einem Fahrzeug verlange. Egal, in welchem Auto-Konzept ich sitze, ein gewisses Mass an Fahrspass muss der fahrbare Untersatz bieten. Genau das versprach die erste Generation in der Theorie. Klein, leicht und wendig mit Heckantrieb! Das sind meist Garantien für Spass am Steuer. Nicht so der Smart, First Generation. Alle Varianten und sogar die damals gut austarierten Roadster- und Coupé-Varianten krankten am Getriebe und der indirekten Lenkung.

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Skeptisch war ich, als ich das erste Mal die Gelegenheit hatte, den Neuen fahren zu dürfen. Die Entwickler hatten dem komplett Neuen unter anderem auch ein drittes Pedal spendiert. Mit diesem Pedal stellt man selbstständig den Kraftschluss zwischen dem Sechsgang-Getriebe und dem Motor her. Quasi oldschool heutzutage. Und siehe da, der neue Smart machte sogar auf einer kleinen Landstrassenpartie Spass. Kombiniert mit dem neuen Fahrwerk, einer direkten Lenkung kam so etwas auf, das man, abgesehen von der hohen Sitzposition, sogar als Sportwagen-Feeling bezeichnen kann. Jedenfalls mehr als in jedem übermotorisierten Zwei-Tonnen-SUV.

Und jetzt steht er vor mir, der neue Smart als Cabriolet. Die offene Verheissung eines idealen Stadtmobils. Leider hat es an diesem Januar-Tag in Valencia nur etwa 8 Grad. Der Himmel ist bewölkt, und die Orangen frieren an den Bäumen. Na, gut. Dann starten wir eben zur Smart-Cabrio-Männer-Tour. Natürlich offen mit Schal und Mütze bekleidet. Doch vor den Freuden des Offenfahrens steht erst die Offenlegung des Stadt-Mobils an. Das Rolldach und das kleine Verdeck am Heck öffnen sich auf Knopfdruck elektrisch in 12 Sekunden, kein Problem. Wir wollen aber die volle Frischluft-Dosis. Während ich im Beisein einer männlichen Smart-Hostess die beiden Dachholme demontiere und verstaue, hoffe ich, dass mich bei der Tour kein Platzregen überrascht.

Also, Heizung auf Volldampf, den Arschgri…, Verzeihung die Sitzheizung an und los gehts. Im Oldiesender des Radios plärrt James Brown «I feel good…» und ich zittere im Takt mit.

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Im wuseligen Stadtverkehr in Valencia mit vielen augenscheinlich lebensmüden Scooter-Piloten, wo Verkehrsregeln und vorgegebene Fahrspuren fast immer ignoriert werden, ist der offene Smart in seinem Element. Man überlässt der neuen, jetzt viel besser agierenden Automatik die Schaltarbeit und konzentriert sich als Fahrer, um die Lücken im fliessenden Verkehr zu nutzen. Quasi Innenstadt-Slalom, und die fetten SUVs sind die Pylonen, die man umschifft. Das macht Laune. Nur als ich im Smart vorne an der roten Ampel stehe, werde ich beim Umschalten auf Grün wieder von den gerade überholten Verkehrsteilnehmern ausbeschleunigt. Nicht, dass der 90-PS-Smart zu wenig Kraft bietet, die langsam agierende Start-Stopp-Automatik bremst mich aus. Da muss ich jetzt umso mehr das Gaspedal durchtreten. Man will ja seine mühsam erkämpfte Pole-Position nicht verlieren. Vom Trottoir schaut eine gross gewachsene attraktive Spanierin auf den offenen vorbeiblitzenden Smart und lächelt. Jetzt sollte der Oldiesender von den Hollies «A long cool woman in a black dress…» spielen. Tut er aber nicht.

Sofort fällt auf, das die Empfindungen, die Wahrnehmung der Umwelt, zum Beispiel die Gerüche in einem 20 000-Franken-Smart die gleichen sind wie in einem SL für 150 000 Franken. Als ich an einem Falafel-Stand vorbeirolle, bekomme ich Hunger. Aber der Smart, der rollt. Die Route führt mich aus Valencia hinaus auf die Stadtautobahn Richtung Umland. Bei Tempo 120 singt der leider kürzlich verstorbene aber im Moment allgegenwärtige David Bowie «We can be heroes, just for one day…». Die vom Smart aus riesig wirkenden Trucks überholend, fühle ich mich wirklich wie ein kleiner Held, wie ihn der Thin White Duke in seinem Kultlied besingt. Durch die hohe Gürtellinie sitzt man auch bei dem Tempo gut geschützt im offenen Smart. Valencia 15.30 Uhr: Die Frisur sitzt. Das Cabrio zieht auch bei Autobahn-Tempo verhältnismässig souverän seine Bahn. Auch wenn das Fahrverhalten im Vergleich zum ersten Smart ein riesiger Sprung nach vorne ist. Ein Autobahn-Auto wird der Smart nicht werden, soll er ja auch nicht.

Besser runter vom Revier der Trucker. Es könnte ja einer mal den kleinen Smart übersehen. Die Berge rund um Valencia sind nicht hoch, aber es wird doch merklich kühler. Jetzt muss eben der Fahrspass, den der kleine Hecktriebler bietet, zusätzlich mit anheizen. Der Testwagen ist mit dem 90 PS starken Dreizylinder Turbo ausgestattet. Die Gänge schaufelt das neue 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe automatisch rein. Via Schaltpaddel kann man aber die Gänge auch manuell wechseln. Und siehe da. Das ultrakompakte Cabrio ist auf den kleinen verwundenen, aber gut ausgebauten Landstrassen in seinem Element. Obwohl immer noch tendenziell untersteuernd ausgelegt, fegt der Kleine durch die Kurven, dass es eine wahre Pracht ist. Mit der jetzt direkter ausgelegten Lenkung lassen sich die Kurven zielgenau anpeilen. Nur übertreiben sollte man es nicht, durch den kurzen Radstand kann schnell Unruhe in die Fuhre kommen, dann greift das ESP ziemlich harsch ein. Trotzdem bietet der Smart in dieser Konfiguration mehr Fahrspass, als so mancher doppelt so starke Frontkratzer. Am Ende kommt dann doch noch die Sonne raus, und die zahlreichen Orangen der Plantagenbäume strahlen mich an. Das Radio spielt «The sun ain’t gonna shine anymore…» von The Walker Brothers. Hm, der Oldiesender sitzt wohl nicht in Valencia. Als ich von der Testfahrt zurückkomme, ist mir warm. Trotzdem überlasse ich dem freundlichen Smart-Mitarbeiter die etwas umständliche Montage der Dachholme. In der Praxis würde ich sie wohl meistens drauf lassen.

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Technische Daten Smart Cabrio Twinamic (66kw)
Preis ab 16 550 Franken
Hubraum 3-Zyl. Turbodiesel, 0,9 Liter
Leistung 90 PS bei 6200 U/min
Drehmoment 135 Nm bei 2500 U/min
Antrieb Heckantrieb
0 bis 100 km/h 11,7 s
Spitze 155 km/h
Verbrauch 4,2 l/100 km (Werksangabe)
CO2 97 g/km (Werksangabe)
Aussenmasse 270 x 166 x 155 cm
Ladevolumen 260 – 340 Liter
Markteinführung 2016
Konkurrenten Fiat 500C
(ab 17 090 Franken)

Fazit
Zwischen dem neuen Smart und mir ist eine Art Hassliebe entstanden. Liebe, weil der Neue, egal ob offen oder geschlossen, dafür mit mindestens 90 PS ausgestattet, ein aktiv und flott zu bewegendes Auto ist. Aber in gewissen Momenten hasse ich auch die kleine Kugel auf vier Rädern. Weil einfach in der Stadt die Lässigkeit, die Ausstrahlung und die Identifikation fehlt, die ein kleiner Roadster vom Schlag eines Mazda MX 5 bietet. Dafür kann aber der Smart nichts.

Vor- und Nachteile


  • ideales Stadtauto
  • endlich ein vernünftiges Getriebe
  • niedrige Unterhaltskosten

  • hoher Preis
  • umständliche Dachkonstruktion