Der Ford Focus ST will mehrere Fliegen mit nur einer Klappe schlagen und Sportlichkeit, Alltagstauglichkeit mit einem geringen Verbrauch verbinden. Wheels! klärt, ob die Kölner Klappe rundum zuschlägt.

Anmutig wie ein schwarzer Panther
Schick steht er da, in Panther black, etwas geduckt, wie eine zum Sprung bereite Raubkatze. Im Vergleich zum Vorgänger haben die Ford-Designer die Scheinwerfer und den Kühlergrill schlanker gezeichnet. Durch die 18-Zoll-Räder scheinen rot lackierte Bremssättel hindurch. Zur sportlichen Erscheinung gehören natürlich lackierte Seitenschweller, ein Heckdiffusor und die Auspuffanlage mit den hexagonalen Endrohren. Das wirkt aber nie aufgesetzt oder peinlich. Im Focus ST kann man sich auch als zurückhaltender Charakter durchaus sehen lassen. Drei auf dem Armaturenbrett aufgesetzte Zusatzinstrumente für Ladedruck, Öldruck und -temperatur wirken ein bisschen retro, sind aber für den Sportfahrer eine willkommene Informationsergänzung. Auf den Seitenwangen der Schalensitze prangt gross RECARO. Na, wems gefällt. Derjenige, der drauf sitzt, sieht es ja nicht.

 

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Schnell wie ein Tiger auf Beutejagd
Holla, das erste Mal gibt es in einem ST-Modell auch ein Diesel-Aggregat. Wir haben uns trotzdem für den 2,0 Liter EcoBoost-Benziner entschieden. Und der ist eine gute Wahl. Der turbounterstützte Vierzylinder ist in seiner Kraftentfaltung ein Quell der Freude. Schon bei unteren Drehzahlen zieht der ST los wie ein Büffel, der die verführerische Kuhdame seiner Wahl erblickt. Nichts kann ihn mehr stoppen. Zwischen 2000 und 4500 Umdrehungen stellt das Aggregat sein höchstes Drehmoment von 360 Newtonmetern zur Verfügung. Ein Turboloch ist nicht zu spüren, und der Drehmomentverlauf ist harmonischer als bei einem Diesel, der schon früh wieder nach dem nächsten Gang verlangt. Dabei ist der Klang schön sonor, aber nicht zu aufdringlich. Man will die Dame ja nicht verschrecken. Ein Start-Stopp-System ist beim ST serienmässig an Bord. Das Ford-SYNC-2-System erlaubt einen sprachgesteuerten Zugriff auf das Kommunikationssystem und die Klimamanlage. So kann man bei schneller Fahrt beide Hände am angenehm griffigen Lederlenkrad lassen.

 

 

Flink wie ein Gepard, der Haken schlägt
In einen Fronttriebler viel Leistung so zu verpacken, dass es eine Freude macht, diese auch auszunutzen, das ist die hohe Kunst unter den Fahrwerksentwicklern. Bei Trockenheit bringt der Ford die 250 PS ganz gut auf den Boden, bei Nässe jedoch scharrt er öfters mit den Hufen, und die elektronischen Helferlein haben allerhand zu tun. Das knackige Fahrverhalten erkauft man aber auch mit einer Härte, die bisweilen an den Nerven zerrt. Auf Autobahnen gibt sich die Federung etwas stuckrig. Hier wünscht man sich als Normalfahrer etwas mehr Komfort. Dazu kommt, dass die Recarositze auch Normalgewachsene im Rumpfbereich fühlbar einschnürt. Die Ergonomie ist hier bestenfalls als mässig zu bezeichnen. Jedoch fühlt man sich auch in höheren Geschwindigkeitsbereichen immer sicher. Nur die Rückmeldung der elektrisch unterstützten Lenkung könnte etwas direkter ausfallen. Das Fahrwerksstabilitätsprogramm ETS (Enhanced Transitional Stability) erkennt Manöver, welche die Fahrstabilität gefährden und greift beispielsweise durch einen einseitigen Bremseingriff ein. Wir haben davon nichts gemerkt, was als Lob für das System zu verstehen ist. Die Bremsanlage zeigt sich hier tadellos, mit einer hohen Bremsleistung und gut dosierbar. Bei Nacht leuchten die adaptiv mitlenkenden Frontscheinwerfer die Seitenbereiche der Fahrbahn gut aus.

 

Genügsam wie eine Steppenkatze
Beim Verbrauch schlägt sich der Musterknabe Motor noch einmal richtig gut. Die 6,8 Liter Werksangabe konnten wir nicht erzielen, aber der Testverbrauch pendelt sich bei 8,3 Litern ein. Und das inklusive flott gefahrenen Etappen auf der deutschen Autobahn. Ein Grund ist auch, dass man oft das gute Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen ausnutzt. So kann man auch im vierten Gang um einen Kreisverkehr herumrollen und dann wieder zügig beschleunigen.

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Technische Daten Ford Focus ST-3
Preis ab 40 950 Franken; Testwagenpreis: 44 770 Franken
Hubraum 1999 ccm
Leistung 250 PS bei 5500 U/min
Motor 4 Zylinder Turbo
Antrieb Frontantrieb
0 bis 100 km/h 6,5 s
Spitze 248 km/h
Verbrauch EU-Norm-Verbrauch 6,8 l pro 100 km; Testverbrauch 8,3 l pro 100 km
Masse Leergewicht 1497 kg
Räder 8×18 Zoll
Reifen 235/40R18

 

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Ford Focus RS 2015
Für alle Ford-Piloten, denen ein ST immer noch zu weichgespült ist, haben die Kölner einen scharfen Pfeil im Köcher. Ende 2015 erscheint der Focus RS. Der 2,3 Liter grosse Turbo-Vierzylinder, der auch im neuen Mustang Dienst tut, soll laut Ford deutlich über 300 PS leisten. Preise stehen noch nicht fest.

Ken Block hat den neuen RS schon getestet. Sozusagen frisch vom Band. Hier geht’s zum Video!

 

Fazit:
Der Focus ST trifft alle Fliegen mit einer Klappe, aber er erschlägt nicht alle. Für die Aspahlt-Racer-Fraktion ist der ST nicht kernig genug und optisch zu brav. Aber für die kommt ja Ende 2015 der Focus RS. Für den Normalfahrer, der auf Leistung nicht verzichten will, aber ohne Einschränkungen im Alltag fahren möchte, präsentiert sich das Fahrwerk zu hart und die Sitze zu unbequem. Untadelig dagegen: Motor, Getriebe und die Bremsen. Trotzdem muss der ST erst noch seine Nische finden.

Fotos: Yves-Alain Moor