200 explosive Pferdestärken, verteilt auf ein Drehzahlband bis 14 000 Touren! Eingebettet in eine 200 Kilo leichte Präzisionsmaschine aus Aluminium, Magnesium und Carbon. Die Yamaha YZF-R1 ist schlichtweg eine Waffe. wheels!-Redaktor und Töff-Gelegenheitsfahrer Robert Tomitzi hat sich der Herausforderung gestellt. Denn nur wenn der Bolide auf zwei Rädern neben ihm steht, herrscht zwischen den beiden Waffenstillstand.

Angstschweiss vs. Vorfreude
Die Handinnenflächen sind leicht feucht, und die Reaktion wirkt leicht nervös. Ich muss…, nein darf die neue Yamaha YZF-R1 fahren. Das ultimative 200-PS-Ultrabike, ein Projektil auf zwei Rädern. Ist das nun Vorfreude oder pure Angst? Eines muss ich hier vorausschicken, liebe wheels!-Leser. Wer hier einen knallharten Test erwartet, wo es um maximale Schräglagenwinkel geht, spezielle Fahrwerks-Setups verraten werden oder spektakuläre Fahrmanöver mit scharrenden Knie-Pads fotografisch festgehalten sind, der könnte enttäuscht werden, wenn er weiterliest. Dieser Bericht handelt von einer Grenzerfahrung, von jemandem, der ab und zu mit einer 50-PS-Gummikuh (Kenner wissen, was gemeint ist) kleine Ausflüge über einsame Landstrassen macht. Und jetzt muss ich mich mit einem Motorrad auseinandersetzen, das viermal(!) so stark ist und ein Leistungsgewicht vorweist, das jeden Lamborghini in eine Wanderdüne verwandelt.

Es geht hier in dieser Geschichte auch um Verantwortung, Selbstkontrolle und Respekt, wenn man ein derartiges Geschoss im Strassenverkehr bewegt.

Kurz die Fakten: 200 PS Leistung, 199 Kilogramm Gewicht fahrfertig, aber auch Fahrsicherheitssysteme wie eine Traktionskontrolle mit Schräglagenerfassung, ein Slide-Control-System und ein Überwachungssystem für ein steigendes Vorderrad. Höchstgeschwindigkeit…, halt? In den ganzen 26 Seiten Pressetext von Yamaha findet sich keine Angabe zur Höchstgeschwindigkeit. Soll ich die selber herausfahren? 300 werden es schon sein. Also gut, Herausforderung angenommen.

 

Die erste Fahrt
Als Erstes fällt die extreme Optik auf. Zierlich geduckt und stark nach vorne geneigt, wirkt die R1 wirklich wie ein MotoGP-Renner. Die kleinen kaum sichtbaren LED-Scheinwerfer tun das Übrige dazu. Aufgesessen! Auch die Sitzhaltung ist, gelinde gesagt, extrem. Das Hinterteil sitzt auf einem breiten, aber spartanisch gepolsterten Sitz, der viel Bewegungsfreiheit zulässt für Zweiradakrobaten wie Rossi und Co. Ich bin aber keiner. Deshalb stört mich anfangs auch, dass ein Grossteil meines Körpergewichts über die Arme abgestützt werden muss. Dafür hat man ein unmittelbares Gefühl, was das Vorderrad macht. Ansonsten ist alles normal, wie bei jedem anderen Motorrad. Der 1000 ccm grosse Vierzylinder springt sofort an und läuft nach ein paar Gasstössen rund. Aber nicht so seidig, wie es ein Vierzylinder erwarten lässt. Das liegt am neu entwickelten Crossplane-Motor mit einer ungleichmässigen Zündfolge. Schön klingt anders, die Technologie bringt aber bei diesem Hochleistungstriebwerk mehr Drehmoment in den niedrigen Drehzahlregionen.
Bewegt man sich im Drehzahlbereich zwischen 3000 und 6000 Touren, schiebt die R1 ordentlich an, aber jeder normale Motorradfahrer kommt damit zurecht. Doch wehe der digitale Drehzahlmesser überschreitet die 8000er-Marke. Dann reisst das Bike im dritten Gang an, dass mir Hören und Sehen vergeht. Ups, schnell wieder vom Gas, keiner hats gesehen. Wo soll man diesen Kraftprotz in der Schweiz nur im Mindesten ausfahren können, ohne mit einem Stiefel im Knast zu stehen? Genau, nirgendwo!

300 km/h – Die Herausforderung
Auch wenn ein Bugatti Veyron gute 400 läuft. 300 km/h sind immer noch die magische Grenze für sportliche Piloten, die ihn vom Knaben zum Manne unterscheiden. 300 im Auto? Habe ich schon hinter mir. Mal aufregend, wie anno dazumal im Gemballa Porsche Biturbo, mal eher entspannt, wie im McLaren MP 4 12C. Beide Male erfahren auf einer deutschen Autobahn. Und dort zieht es mich mit der YZF-R1 wieder hin. Sie erinnern sich? Die Herausforderung. Ich versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren, als ich den Rucksack für die Anreise packe. Es gelingt mir nicht, und ich vergesse die GoPro-Kamera für die Dokumentierung mitzunehmen. Die Anfahrt mit Tempo 120 auf der Schweizer Autobahn lässt meine Arme schmerzen. Bei dem Tempo wird der Oberkörper noch nicht genügend vom Fahrtwind gestützt. Ab Lindau auf der deutschen Autobahn geht es besser. Bei Tempo 180 fühle ich mich wohl auf dem Superbike. Das zieht wie an einer Schnur gezogen über die Bahn. Der Verkehr ist ruhig, vor mir erblicke ich ein Asphaltband, das schnurgerade erscheint. Ich platziere meinen Allerwertesten so weit hinten wie möglich und spanne mich wie ein Dreieck in die Maschine ein. So kann ich mich am besten hinter der gar nicht so grossen Verkleidung hinwegducken. Ich schalte in den vierten Gang und gebe Gas. Wie von einem überdimensionalen Gummiband gezogen, schiesst die Yamaha nach vorne. Den digitalen Tacho habe ich gut im Blickwinkel, die Zahlen rasen wie ich auf der Autobahn dahin, 220, 230, 240, als könnte ich mich damit in den Himmel schiessen. Auf einmal macht es Klick, nicht an der Maschine, sondern in meinem Kopf. Bei knapp 280 schliesse ich langsam den Gashahn. Die Yamaha wollte noch weiter, ich aber nicht. Ich steuere den nächsten Rastplatz an, steige vom Bike und hole mir den schlechtesten Kaffee Deutschlands. Ich setze mich neben die Yamaha, bin ganz ruhig und betrachte die leise knackend abkühlende Maschine. Ich überlege. Für wen ist dieses Wunderwerk der Technik eigentlich gedacht? Wie es richtig geht, zeigt dieses Video

Hightech & Philosophie
Seien wir ganz ehrlich. Eine Yamaha YZF-R1 ist auf den Schweizer Strassen eigentlich so deplatziert, wie ein Delphin-Baby im Death Valley. Denn nirgendwo kann man die unglaubliche Performance, die eine R1 bietet, auch nur im Ansatz ausloten. Trotzdem kann ich die Faszination und den damit verbundenen Wunsch, so ein Motorrad sein Eigen zu nennen, gut verstehen. Weil es ein faszinierendes Stück Technik ist, das schon grossen Spass macht, es einfach nur im Wohnzimmer parkiert zu betrachten, immer wissend, was dieser Töff in der Lage ist zu leisten. Auch wenn der Besitzer dazu nicht in der Lage ist. Dann gibt es natürlich die Praktiker, die Könner, die Schräglagen-Akrobaten. Hier ist die eindeutige Empfehlung: Lasst es krachen mit der YZF-R1 – und zwar auf der Rennstrecke. In einem Kurvenlabyrinth, wie Dijon, Spa oder Monza. Ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen, ohne Verkehrsteilnehmer im Wachkoma, ohne Bauernglatteis, ohne Baumstämme, die immer härter sind als die eigenen Knochen.

Technische Daten Yamaha YZF-R1
Preis ab ab 19 900 Franken
Hubraum 998 cm3
Leistung 200 PS
Drehmoment 112 Nm
Getriebe 6 Gang
Spitze über 300 km/h
Gewicht 199 kg
Aussenmasse 205x69x115 cm

Fazit
Rossi, Marquez und Co. Wie sehr ich sie für ihr Fahrkönnen und ihren Mut bewundere. Wie Übermenschen holen sie aus ihren Moto-GP-Schlachtrössern raus, was geht, quetschen die letztmögliche optimale Performance aus ihren zweirädrigen Wunderwerken. Wer ihnen nacheifern will, ist mit der 2015er-Yamaha YZF-R1 optimal bestückt. Doch jeder Fahrer eines Superbikes von diesem Schlag, trägt auch eine grosse Verantwortung, einhergehend mit dem richtigen Mass an Selbstkontrolle. Sonst katapultiert er sich möglicherweise mit den 200 Pferdestärken direkt in den Himmel oder sonst wo hin.

AS24 Neuwagen-Konfigurator
Fotos: Fabian Bur